Alzey-Worms: Wir trennen den Müll – und sie verbrennen ihn einfach

Zum 1. Januar 2019 tritt ein neues Verpackungsgesetz in Kraft: Es soll dafür sorgen, dass mehr Abfälle als bisher recycelt werden. Bis 2022 soll die Recyclingquote für Kunststoffverpackungen auf immerhin 63 Prozent steigen. Doch kann das gelingen? Zweifel sind angebracht: Die großen Entsorgungsfirmen nutzen den Plastikmüll lieber – weil für sie profitabler – als Zunder für ihre Verbrennungsanlagen. Am Beispiel des Landkreises Alzey-Worms wird deutlich, wie die Politik einen zeitgemäßen und ökologisch nachhaltigen Umgang mit  Abfall verspielt.

Umwelt- und energiepolitischer Unsinn wird hierzulande nicht nur mit Windkraft– und Photovoltaikanlagen betrieben, die nicht in der Lage sind, verlässlich und kontinuierlich eine bestimmte Menge Energie pro Zeiteinheit (z.B. Megawattstunde, Mwh) zu liefern, die aber weiterhin hemmungslos in die Landschaft gestellt werden, weil sie beträchtliche Profite abwerfen.

Der Landkreis Alzey-Worms leistete sich die Umstellung von Mülldeponierung auf Müllverbrennung und nahm dafür einen jahrelangen, teuren Rechtsstreit mit dem Betreiber der Mülldeponie Framersheim in kauf. Der endete in einem Vergleich, der die Steuer- und Gebührenzahler noch einmal 3,5 Millionen Euro kostet. (Zusammenfassung in einem AZ-Dossier).

12 Millionen, damit der Müll aus dem Blickfeld verschwindet

Den Müll, der im Kreis Alzey-Worms produziert wird, sammelt jetzt der Entsorgungsriese Remondis aus Mannheim ein und verwertet ihn im Gemeinschafts-Müllheizkraftwerk Ludwigshafen (GML). Aus Abfall wird dort durch Verbrennung Energie – Strom und Fernwärme – erzeugt. Die GML machte 2017 mit diesem Verfahren 24,9 Millionen Euro Umsatz.

Der Gewinn aus 7,3 Milliarden Euro Jahresumsatz bei Remondis (2015) mehrt vor allem das Vermögen der Unternehmerfamilie Rethmann im westfälischen Selm. Die Bürger im Kreis AZ-WO brachten 2016 für die Entsorgung ihres Mülls über 12 Millionen Euro auf (Hausmüllgebühren 10.710.000 Euro, sonstige Müllgebühren 1.472.500 Euro). Dafür ist der Müll aber weg und nicht mehr auf der Deponie im beschaulichen Hügelland, in Sichtweite der Kreisstadt.

Die Begründung für den einseitigen Ausstieg des Landkreises aus dem Vertrag mit dem Deponiebetreiber Manfred Hinkel im Jahr 2005 war eine Gesetzesänderung, nach der keine unbehandelten Abfälle mehr deponiert werden durften. Allerdings konnte Hinkel auf einen gültigen und bis Ende 2027 laufenden Vertrag verweisen und musste für den durch die einseitige Vertragskündigung durch den Kreis entstandenen Verlust entschädigt werden. Der von Landrat Ernst-Walter Görisch forcierte Umstieg von Deponierung auf Verbrennung wurde also richtig teuer.

Aber war dieser Umstieg ökologisch betrachtet sein Geld wert?

Die Gelben Säcke landen in Verbrennungsanlagen

An dieser Stelle müssen wir einen kleinen Exkurs einschieben. Thema: Grüner Punkt, Gelbe Tonne, Gelber Sack. Recycling ist besser als Deponieren oder Verbrennen.

Ist das wirklich alles so?

Billiger ist es jedenfalls nicht. Im Gegenteil, es wird teurer, lesen wir am 21.11.2018 in unserer Heimatzeitung AZ. Grund ist die Übernahme des bisherigen Betreibers Duales System Deutschland DSD durch den Entsorger Remondis, der uns in der Alzeyer AZ-Ausgabe schon begegnet ist.  AZ-Kommentator Ralf Heidenreich beschäftigt sich auf der überregionalen Wirtschaftsseite mit kartellrechtlichen Facetten der Übernahme und den infolge des notwendig werdenden Systemausbaus zwangsläufig entstehenden Preisaufschlägen. Er übersieht geflissentlich die im Grundsatz bestehende Fragwürdigkeit des Systems an sich.

Diese Fragwürdigkeit ist aber durchaus gegeben. Und im AZ-Artikel wird darauf sogar hingewiesen, wenn es heißt: „Leider wird aktuell nur knapp die Hälfte des Plastik-Verpackungsmülls wieder recycelt (…) Der Rest landet in Verbrennungsanlagen.“

Der Bürger reibt sich die Augen und liest es noch einmal und noch einmal. Er hat vier Mülltonnen im Hof stehen. Er zahlt für Restmüll- und Biotonne Gebühren direkt an die Kommune und für Papier- und Plastik indirekt an der Ladenkasse. Dann trennt er sorgfältig und folgt den strengen Vorgaben auf der Gelben Tonne, die zu beachten sind, damit aus aus Kunststoffverpackungen und Verbundstoffen Wertstoff werde, der wiedergewonnen wird, damit Ressourcen geschont und die Umwelt geschützt werden könne. Wer alles richtig machen will, spült sogar die leeren Jogurtbecher aus, bevor er sie in die Tonne gibt. Nur damit der Tonneninhalt mit den klinisch reinen Jogurtbechern in der Müllverbrennungsanlage landet?

So absurd es klingt, es ist die Wahrheit. Denn der Nebeneffekt des fleißigen und sorgfältigen Trennens, Sortierens und Wiederverwertens beim Hausmüll war, dass der Inhalt der Restmülltonnen in den Brennöfen nicht mehr so recht in Flammen aufgehen wollte. Volle Windeln, Glas und Küchenabfälle, aber kein Papier und kein Plastik – das senkte den Brennwert beträchtlich. Man brauchte einen Brandbeschleuniger und fand ihn in den Gelben Säcken und in den Gelben Tonnen. Kunststoffe werden überwiegend auf Erdölbasis hergestellt. Sie brennen in Verbindung mit Sauerstoff besser als Zunder.

Aktuell werden 6,1 Terrawatt-Stunden (TWh) und damit ca. ein Prozent der Nettostromerzeugung in Deutschland aus Abfall in Müllverbrennungsanlagen wie der GML erzeugt. Zusätzlich wird dabei, meist per Kraft-Wärme-Kopplung (KWK), Nutzwärme in Höhe von 11,8 TWh bereitgestellt.

Energie ist wertvoll und ihr Wert wird steigen, je weiter der Bedarf steigen und die Quellen versiegen. Wenn aber bei der Müllverwertung ein Wettbewerb entsteht zwischen Verbrennen zur Energiegewinnung und Recyclen zum Wiederverwerten, dann werden die Chancen für das Recycling schlecht stehen.

So verteuert die Energiewende den Strom und macht damit Müllverbrennung lukrativer als Müllverwertung, was sicher nicht im Sinne der Erfinder ist.

Ende des Exkurses.

Bekanntes Bild von unseren Straßenrändern: Im Mülltrennen sind wir spitzenklasse!

Privatisierung beraubt der Politik vieler Möglichkeiten

Man mag die Quasi-Privatisierung der Abfallentsorgung in Alzey-Worms bewerten, wie man will. Tatsache ist, dass  bei kommunaler Trägerschaft ein Mehr an politischem Willen z.B. in Sachen Ökologie, Nachhaltigkeit und geringstmögliche Belastung der Bürger eingebracht werden könnte.

Remondis ist mit 32.000 Mitarbeitern und 7,3 Milliarden Euro Jahresumsatz das weltweit größte Privatunternehmen in der Abfallwirtschaft und wird die Entscheidung zwischen Verbrennen und Wiederverwerten ausschließlich nach ökonomischen Kriterien treffen.

Der Landkreis hat die Abfuhr von Hausmüll (Rest und Bio), Sperrmüll, Müllcontainern und von allem, was auf den Wertstoffhöfen landet, gegen Gebühr an Remondis abgetreten. Remondis wird, sofern die Kartellwächter zustimmen, das Duale System Deutschland (DSD) mit dem bekannten Grünen Punkt übernehmen und dann auch den gesamten Verpackungsmüll aus Gelben Tonnen und Gelben Säcken abfahren.

Ob das neue Verpackungsgesetz, das am 1. Januar 2019 in Kraft tritt, dazu führt, dass die Recyclingquote tatsächlich auf über 63 Prozent (ein nicht sonderlich ambitioniertes Ziel) steigt, darf daher mit Skepsis betrachtet werden. Wenn die Energiepreise weiter steigen, und sie werden infolge der Energiewende steigen, dann wird sich der Wettbewerb in der Müllverwertung verschärfen. Diese Verschärfung wird aber klar zulasten des Recyclings gehen.

Überspitzt ausgedrückt: Strom wird grüner und damit teurer. Müllverbrennung wird dadurch deutlich lukrativer als Müllverwertung. Ein gewinnorientiertes Unternehmen wird entsprechend agieren.

Es gibt durchaus Kommunen in Deutschland, die darauf reagiert und entsprechend umgesteuert haben. Dort heißt die Losung „Rekommunalisieren“ statt „Privatisieren“.

In Alzey-Worms wird man darüber nachdenken. Entscheiden kann man erst 2023. Solange läuft der Vertrag mit Remondis.

Das neue Verpackungsgesetz: Das steht drin

In Deutschland muss, wer Verpackungen gewerbsmäßig in Umlauf bringt, für die Entsorgung dieser Verpackungen sorgen.
Da nicht jedes Unternehmen seine Verpackungen beim Endverbaucher abholen kann, gibt es die Dualen Systeme: Sie organisieren die Entsorgung der Verpackungen über die gelben und blauen Tonnen sowie die Altglascontainer.

Da es jedoch so gut wie keine Kontrollen gab, konnten sich kleine Unternehmen leicht ihrer Entsorgungspflicht zu entziehen. Das soll sich demnächst mit dem neuem Verpackungsgesetz ändern:

Eine neu gegründete Zentrale Stelle, die dem Umweltbundesamt untersteht, soll die Einhaltung des Verpackungsgesetzes überwachen. Unternehmen, die Verpackungen herstellen, müssen sich hier registrieren und werden dann in ein öffentliches Register aufgenommen. Künftig dürfen Produkte von nicht-registrierten Firmen und Marken in Deutschland weder vertrieben noch zum Verkauf angeboten werden.

Ausführliche Informationen zum neuen Verpackungsgesetz gibt es in Internet – zum Beispiel hier.

4 Gedanken zu „Alzey-Worms: Wir trennen den Müll – und sie verbrennen ihn einfach

  1. Christiane Harsleben-Meinecke Antworten

    Na ja, ich bin mit mir noch nicht im Reinen, was wohl besser wäre, Verbrennen oder recyceln???
    Alle reden über die unbedingt notwendige Verminderung der Plastikverpavkungen und der Plastikprodukte. Unsere Meere haben ja bald mehr Plastik als Fische und Pflanzen, und da sprecht Ihr davon, dass das Alt-Plastik unbedingt zu Neu-Plastik recycelt werden muss? Nein, das sehe ich ganz anders, verbrennt das Zeug, allerdings weiß ich nicht, wieviel Co2 wiederum beim Verbrennen von Plastikmüll in die Atmosphäre gejagt wird?
    Aber da wir hoffentlich in der Zukunft bedeutend weniger Plastik benötigen werden, kann man ja da vielleicht Hoffnung haben, dass diese Müllart hoffentlich deutlich weniger wird.
    Seit knapp zwei Jahren entnehme ich in den Supermärkten die in Plastik eingepackten Waren noch an der Kasse nach dem Bezahlen aus ihrer Verpackung und lasse den Müll beim Supermarkt. Dadurch fällt bei mir deutlich weniger Müll an.
    Aber schön zu wissen, wir müssen nicht mehr so brav und artig sein. War ich sowieso in anderen Dingen auch nicht. Beim Müll war es mir allerdings immer wichtig, aber jetzt ändert sich auch das.

    • Frieder Zimmermann Antworten

      Ob sich wirklich etwas ändert, gar zum Guten, muss leider bezweifelt werden.
      Zunächst hat das globale Plastik-Problem, insbesondere das Mikroplastik-Problem, eine sehr viel gewaltigere Dimension als das des Umgangs mit Verpackungsmüll in unserer Region. Ökologisch ist der Unterschied zwischen Verbrennen und Verwerten bei den Gelben Säcken und Tonnen nicht besonders relevant. Entscheidend ist, dass der Plastikmüll nicht in die Umwelt gelangt.
      Und wenn Sie die Plastikverpackung im Supermarkt lassen, ist sie dann zwar nicht in Ihrer Tonne aber trotzdem existent und zu entsorgen. Mir ging es vor allem darum, dass der verantwortungsvoll handelnde Bürger, der brav seine direkten und indirekten Müllgebühren zahlt, der sorgfältig seinen Abfall trennt und in die entsprechenden Behälter gibt, nicht auch noch vergackeiert wird, indem man ihm vorgaukelt, Mülltrennung schone die Umwelt und die Rohstoffressourcen, und dann die Gelben Säcke in die Verbrennungsanlage schiebt. Die Entsorgungsindustrie, die ja gleichzeitig eine Energieproduktionsindustrie ist, erhält von den Kommunen den Brennstoff für ihre Heizöfen nicht nur kostenlos, nein, die Kommunen und die Bürger zahlen auch noch dafür! Dann produziert diese Industrie via Müllverbrennung Strom und Fernwärme und macht damit noch einmal ein Geschäft. Darauf wollte ich einmal aufmerksam machen.

  2. Dr. Volkhart Rudert Antworten

    Als ein positives Beispiel für die Wiederverwertung von Verpackungskunststoff kann das rheinland-pfälzische Unternehmen Hahn Kunststoffe in Bärenbach/Hunsrück gesehen werden. Aus Abfallkunststoffen wird ein breites Sortiment von Hilfsmitteln für die Landwirtschaft, die unterstützende Gestaltung von Grünanlagen und Gemeinden gewonnen. Mit Bauteilen wie Pfosten (mit Stahlseele) kann man gegen Fäulnis mit Teer behandelte und mit Chemikalien imprägnierte Holzpfosten sinnvoll ersetzen. Kommunen sollten solche Möglichkeiten ernsthaft in ihre Überlegungen einbeziehen, damit die Bürgerschaft mit eigenen Augen sieht, dass die Trennung des Mülls durchaus zu guten Produkten führen kann, wenn auch die öffentliche Hand durch ihr Einkaufsverhalten dafür Märkte schafft. Der in Oppenheim vor der Gründung stehende Verein LILOFEE wird solche Ziele verfolgen und entsprechend vortragen.

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