Oppenheim: 16-Jähriger stellt Corona-Schutzvisiere für Ärzte her

Wäre das Wort „Held“ in Oppenheim nicht derart hochtoxisch belastet, wir würden schreiben: Milan ist der neue Held von Oppenheim! Das aber wollen wir ihm denn doch nicht antun, deshalb formulieren wir lieber etwas zurückhaltender: Es ist wirklich ganz toll, was dieser junge Mann auf die Beine stellt! Mit einer technischen Innovation und mit ganz viel persönlichem Einsatz steht er Ärzten und Pflegern, Krankenhäusern und Altenheimen in der Region bei, die mit Corona-Patienten zu tun haben: Er stellt für sie dringend benötigtes Schutzmaterial her.

Milan von dem Bussche in seiner Garagenwerkstatt in Oppenheim. Hier produziert der 16-jährige Schüler Schutzvisiere für alle, die mit Corona-Kranken zu tun haben.

Der junge Mann heißt Milan von dem Bussche, ist gerade mal 16 Jahre alt und geht noch zur Schule (Katharinen-Gymnasium in Oppenheim, Klasse 10). Schon einmal hat er Schlagzeilen gemacht: Zusammen mit einem Freund entwickelte er eine Anlage, die Plastikmülll zu thermoplastischen Kunststoff aufbereitet. Mit diesem so genannten „Filament“ können dann 3D-Drucker „gefüttert“ werden: Altplastik wird nicht zu Müll, sondern erlebt eine zweite, ganz neue Verwendung.

2019 gewannen die beiden Tüftler damit den bundesweiten Wettbewerb „Jugend gründet“ des Bundesforschungsministeriums. Sie durften eine Amerika-Reise machen, gründeten eine Firma, die sie “qitech” nannten und wurden als Garagen-Unternehmer in den Medien gefeiert (hier, hier und hier). Dann wurde es wieder still um sie, inzwischen gehen sie getrennte Wege, Milan betreibt die Firma qitech heute allein weiter.

Nachfrage nach Visieren war sehr schnell sehr groß

Dann kam Corona, die Schule fällt seither aus, und überall ist zu hören und zu lesen, dass bei Ärzten und Pflegern das Schutzmaterial knapp wird. Auf einer Internetseite, auf der sich die Szene der 3D-Drucker-Betreiber austauscht, entdeckte Milan eine Information: Eine tschechische Firma stellt Gesichtsvisiere für den Medizingebrauch her. Sie werden mit einer Plastikhalterung am Kopf befestigt, das Visier ist undurchlässig für Tröpfchen und verhindert zudem das Berühren des Gesichts mit den Händen.

Die Plastikhalterung lässt sich mit 3D-Druckern herstellen. „Als Gesichtsschutz setzen die Tschechen dünnes Plexiglas ein. Das ist recht teuer, das kann ich auch technisch gar nicht leisten“, sagt Milan. „Aber ich konnte die Halterungen mit meinem 3D-Drucker nachbauen. Und dann habe ich eine aufgeschnittene Colaflasche als Visier eingesetzt. Das war schon ziemlich perfekt: Ein Gesichtsschutz war fertig, der auch noch recht günstig herzustellen war.“

Ende März startete er die Produktion in der Garage seiner Eltern, es taten sich allerdings ein paar Probleme auf: Ein 3D-Drucker presst Schicht für Schicht. Milan besitzt zwei Drucker, die natürlich keine industrielle Ausmaße haben: Sie arbeiten recht langsam, das Herstellen von nur einer Halterung dauerte gute drei Stunden. „Ich ließ die Drucker nahezu Tag und Nacht laufen, aber mehr als ein Dutzend Visiere kamen dabei nicht bei heraus. Und dann fehlten natürlich auch leere Colaflaschen. Und Knopflochgummiband…“

 

Wenn Sie Milan bei seiner Arbeit unterstützen wollen
Der 16-jährige Milan von dem Bussche spendet die selbst hergestellten Gesichtsschutzvisiere an medizinische Einrichtungen und Hilfsdienste, die mit Corona-Patienten in Kontakt kommen können. Dadurch entstehen dem jungen Mann Kosten – er freut sich über Spenden. Wenn Sie ihn unterstützen möchten: Seine Kontonummer lautet: DE06 5519 0000 0985 4550 13 (Volksbank Mainz).

 

Trotz aller Widrigkeiten: Die Hilfsmaschinerie lief an. Anfang April teilte Milan auf dem Blog seiner Webseite mit: Eine Ärztin aus Ingelheim habe Schutzvisiere für ihre Praxis abgeholt. Weitere habe er Gebärdendolmetscherinnen gespendet, die keine normalen Gesichtsmasken tragen können

Milan: „Es sprach sich wohl rum. Ich bekam immer mehr Anrufe von Ärzten, Pflegediensten, auch Kliniken. Sie benötigten dringend neue Visiere. Das war allerdings schon ziemlich blöd: Wir konnten gar nicht genug produzieren.“

Neue Maschine stellt bis zu 200 Visiere am Tag her

Der Flaschen-Engpass konnte schnell gelöst werden: Christian Becker vom Deutschen Roten Kreuz Guntersblum, der bereits ein paar Gesichtsvisiere aus Oppenheim im Einsatz hatte, schlug vor, verstärkte Folie zu benutzen. Das funktionierte! Gummiband konnte Becker auch besorgen. Das Grundproblem blieb: Die Nachfrage war groß – die Produktion einfach zu langsam!

Der Kontakt zu einem Ingenieur aus Ludwigshafen zeigte die Lösung auf: David Thönnes  beschäftigt sich beruflich mit 3D-Druck (Artme 3D), er hatte eine Spritzgussmaschine auf Lager, die er nicht mehr benötigte. Milan: „Er brachte sie nach Oppenheim und half uns beim Aufbauen in der Garage. Dann erklärte er mir auch noch, wie sie funktioniert: Man braucht eine Form, da wird mit hohem Druck das Plastik hereingepresst – fertig ist eine weitere Visier-Halterung.”

Selfie mit selbstgebautem Gesichtschutz und Maske.

Neues Problem: Die richtige Form fehlte. Jetzt halfen Bekannte aus Österreich: Die betreiben ein Startup, das sich weltweit mit der Aufbereitung von Plastikmüll beschäftigt. Sie ließen in Österreich die passende Metallform fräsen, schickten sie nach Oppenheim…

Zum Schluss fehlte noch ein Kompressor. Milan: „Christian Becker versprach zu helfen. Und tatsächlich lieferte er das Gerät schon Stunden später bei uns ab! Einfach genial!“

Und dann ging’s los. Ein paar Freunde kamen dazu, seither läuft die Maschine rund um die Uhr. „Wir fangen morgens um 8.30 Uhr an und arbeiten durch bis 20.30 Uhr“, sagt Milan. Anfangs schafften sie zwei, drei Dutzend Halterungen am Tag, inzwischen sind sie bei 200. Gesichtsvisiere made in Oppenheim sind inzwischen bei etlichen Medizinern und Pflegern in der Region im Einsatz, allein 45 gingen an das Caritas Zentrum in Oppenheim, das Altenheim Oppenheim wurde bedacht, 15 gingen an das Rote Kreuz Bodenheim und 10 an einen Ambulanten Pflegedienst in Rüsselsheim…

Milan verschenkt sie. „Ich kann doch kein Geld von Leuten nehmen, die sich für Corona-Kranke einsetzen“, sagt er. Die meisten revanchieren sich mit einer Spende, die nimmt der Jungunternehmer dankbar an. Schließlich hat er enorme Kosten. „Wir verbrauchen Strom wie ein kleiner Gewerbetrieb. Wir müssen immer wieder neues Gummiband kaufen, 25 Zentimeter werden pro Visier benötigt, da kommen schnell etliche Meter zusammen. Und auch meine Maschinen werden natürlich abgenutzt, irgendwann sind Ersatzteile notwendig.“

Ursprünglich wollte er mit seiner Firma qitech kreative Handyhüllen herstellen und hätte damit den einen oder anderen Euro Gewinn gemacht. Das muss jetzt warten, darauf verzichtet der junge Mann: Corona-Hilfe hat Vorrang.

 

Wenn Sie Gesichtsvisiere benötigen...

Sie erreichen Milan von dem Bussche am besten per E-Mail: info@qitech.de

Informationen über seine Arbeit finden Sie auch im Internet und in den sozialen Medien:

Webseite: www.qitech.de

Facebook: https://www.facebook.com/qitech.de/

Instagram: https://www.instagram.com/qitech.de/?hl=de

 

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