Der Chefredakteur sitzt im Wolkenkuckucksheim – und schweigt (2)

Je weiter wir ins Land blicken: Da sehen wir keine Natur. Da sehen wir überall Windräder. Wen will Rheinhessen eigentlich damit locken?

 

Windenergie-Serie von Frieder Zimmermann, Folge 2

Am 2. November 2017 veröffentlichte die Allgemeine Zeitung ganzseitig einen haarsträubenden Artikel mit der Überschrift „Wenn Sturm zu Strom wird“, in dem der Autor Hannes Koch ein modernes Märchen erzählte. Eine der Figuren der Geschichte durfte da u.a. sagen: „Die Erneuerbaren Energien liefern also 68 Prozent des Gesamtbedarfs.“

Ich schrieb am selben Tag an Chefredakteur Friedrich Roeingh:

Sehr geehrter Herr Roeingh,

vielen Dank für den sehr aufschlussreichen Artikel.

Die Beschreibung von drei Tagen Stromproduktion mittels Windkraft kommt mir so vor, als würde die Realität die Fiktion, die ich meinem Buch „Windradmafia“ gerade beschrieben habe, schon einholen.

Am Mittwoch um 21.00 Uhr freut man sich, dass die in Betrieb befindlichen Windparks 32.000 MW Strom liefern. Das soll das “Dreifache des Durchschnitts” sein! Und “so viel wie 32 Atomkraftwerke”. Dann wäre der Durchschnitt mehr als 10.500 MW und damit so viel wie 10 Atomkraftwerke?

Am Donnerstag um 13.00 Uhr kommen aus den Windmühlen sogar 38.000 MW, “80 Prozent des maximal möglichen” lesen wir ergriffen. Dazu kommen 11.000 MW von Solaranlagen. “Die Erneuerbaren Energien liefern also 68 Prozent des Gesamtbedarfs.” Ist damit die Energiewende zu 68 Prozent geschafft?

Aber: “Techniker sind in Sorge”. Zwei Gaskraftwerke müssen hochgefahren werden, weil der Windstrom beim erwarteten Abflachen des Sturms weniger wird.

An der Strombörse verfällt währenddessen der Strompreis. Der Lieferpreis wird negativ, d.h. der Stromlieferant, der gerade 68 des Bedarfs deckt bekommt nicht nur kein Geld, er muss dafür zahlen, dass ihm jemand den Strom abnimmt. Am Wochenende: “minus 52,11 Euro”! Für was? Für eine Megawattstunde (MWh)? Wahrscheinlich.

Warum wechselt der Autor erst ganz am Ende von Megawatt (MW) zu Megawattstunde (MWh). Momentaufnahmen von Leistung in MW sagen nichts aus. Deshalb ist das mit den 32 Atomkraftwerken auch Unsinn. Leider.

Biblis A und B speisten 2.500 Gigawattstunden pro Jahr ins Netz. Und das mit den “68 Prozent des Gesamtbedarfs” war auch nur eine Momentaufnahme. Tatsächlich liegt der Anteil von Strom aus Windkraft, Wasserkraft und Photovoltaik in Deutschland bei gerade 16 Prozent. Leider.

Strom, also elektrische Energie, bedient aber nur 17 Prozent des gesamten Energiebedarfs in Deutschland. Ökostrom deckt also nur 2,7 Prozent des gesamten Energiebedarfs.

Was lernen wir aus dem Artikel?

Strom aus Windkraftanlagen ist höchst unzuverlässig. Die Liefermengen schwanken minütlich mit erheblichen Ausschlägen. Die Anlagen liefern nur einen kleinen Teil der abgegebenen Leistung. (Übertragen Sie das mal auf Ihr Auto!) Wenn sie kurzfristig 80 Prozent der Nennleistung erreichen, haben Techniker Probleme. Wenn sich die Liefermenge von Strom aus Wind wieder normalisiert (“20.000 MW”), “fahren die Braunkohlekraftwerke wieder hoch“.

Diesen Irrsinn lassen wir uns 2017 laut Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gut 30 Milliarden Euro kosten, die die Verbraucher über die EEG-Umlage brav bezahlen, wir Privatverbraucher sind da mit 36 Prozent dabei. 2018 werden es über 32 Milliarden sein. Dafür stellen wir unsere schöne Landschaft immer dichter mit diesen hässlichen Monstertürmen zu.

Wenn der Verbraucher das wüsste…

Vielleicht schreibt Herr Hannes Koch nächste Woche eine die Leser aufklärende Fortsetzung. Titelvorschlag: Wenn der Strom zum Sturm wird.

Die Windenergie wird dramatisch überschätzt

Der Buchtitel von Zimmermanns Krimi “Windradmafia“.

Ich persönlich, und das ist auch eine Kernaussage in „Windradmafia“, bin nicht gegen die Nutzung der Windenergie. Ich werbe allerdings dafür, dass hier Realismus einkehrt und nicht als Folge blumiger Versprechen der Windkraftindustrie unsere schöne Landschaft mit immer größeren Türmen mit immer gewaltigeren Rotoren zugebaut wird.

Im Nachwort zu „Windradmafia“ habe ich geschrieben:

,Windradmafia’ ist kein Plädoyer gegen die Nutzung der Windkraft. Als Teil des Energiemixes werden wir auf die Kraft des Windes nicht verzichten können. Ich möchte allerdings davor warnen, unrealistische Erwartungen in die Windenergie zu setzen.

Der Wind wird dramatisch überschätzt, wenn von ihm erwartet wird, er könne uns unabhängig vom Öl machen und dabei die bedenklichen CO2-Emissionen reduzieren. Wenn der Wind dazu beitragen kann, zumindest einen Teil der Stromproduktion zu erbringen, die mit dem endgültigen Ausstieg aus der Kernenergie wegfällt, wäre das schon großartig.

Kernenergie ist und bleibt keine Option. Erneuerbare Energien, die die Erde hervorbringt (Biomasse), werden keine Lösung sein können, weil die Energiebilanz im Verhältnis von Ertrag zu Fläche einfach zu gering ist. Die Gegenden, in denen weltweit am meisten Energie aus Biomasse gewonnen wird, z.B. Afrika mit 50 Prozent, sind die ärmsten.

Es bei der Feststellung zu belassen, Windkraftanlagen sind wenig ergiebig, also stellen wir einfach ganz viele davon auf, wäre so, als würden wir alle Gras essen und sagen: Ist zwar nicht besonders nahrhaft, also essen wir ganz viel davon.

Seit 1990 ist der Anteil der Windkraft bei der weltweiten Energieerzeugung im Schnitt jedes Jahr um 26 Prozent gestiegen. ,Wow!’, würde jemand in der gerade erzählten Geschichte sagen. Doch die Zunahme war von fast nichts auf ganz wenig, von 0,038 auf 0,29 Prozent.

Bei der Sonnenenergie sind die Zahlen noch enttäuschender. Die Internationale Energieagentur schätzt den Anteil der Windenergie an der weltweiten Energiegewinnung für 2035 optimistisch auf 1,35 Prozent. Wenn der oberste Windkraftlobbyist für den Standort Deutschland ‚werben’ will, sollte uns das als Werbungsgeschädigte misstrauisch machen. Wenn er dann auch noch an gute Chancen für Windenergie ,glaubt’, driftet er bei einer physikalischen Herausforderung ins Theologische ab.

Dem Stromreport zufolge erzeugten Ende 2016 28.217 Windkraftanlagen in Deutschland knapp 80 Terrawatt (TW) und damit gut 12 Prozent des in Deutschland erzeugten Stroms. Energie ist aber sehr viel mehr als Strom. Strom deckt lediglich 17 Prozent des Gesamtbedarfs an Energie. Die erdachte Journalistin Alexandra Kupfer hat darauf hingewiesen.

Wer die Energiewende so erklärt, dass er behauptet, Windenergie oder Windenergie zusammen mit anderen regenerativen Energien sei kurz-oder mittelfristig in der Lage, fossile Rohstoffe zu ersetzen, verbreitet eine Illusion, die deshalb gefährlich ist, weil sie uns von der drängenden Notwendigkeit ablenkt, über das Problem nachzudenken, vor dem unsere Kindeskinder stehen werden, wenn die Öl- und Gasreserven tatsächlich aufgebraucht sind.

,Windradmafia’ ist kein Plädoyer gegen die Windenergie, sondern für mehr Realismus, zu dem auch der Missbrauch gehört, den es leider gibt. ,Windradmafia’ ist aber vor allem ein Appell, sich nicht mit einer veralteten, ineffektiven, teuren, flächenfressenden, landschaftsverschandelnden, ökologisch bedenklichen Technik zufrieden zu geben.

Hätten wir uns bei der Entwicklung des Fahrrads so verhalten wie bei der Energieerzeugung, würden wir heute noch auf einem Holzgestell sitzen und uns mit den Füßen abstoßen. Die Lösung kann allein nur eine politisch gewollte, politisch angestoßene und politisch geförderte, intelligente, ideologiefreie, kreative, meinetwegen grüne Forschung bringen.

Man muss aber aufpassen, dass diese Feststellung angesichts dessen, womit sich sich Politik und Forschung auf dieser Welt heute überwiegend beschäftigen, nicht depressiv macht.“

Vielleicht kann die AZ dazu beitragen, dass die Diskussion um die Energiewende von ideologischem Dunst und von dem durch Geschäftemacher verbreiteten Nebel befreit wird.

Mit freundlichen Grüßen

Frieder Zimmermann
www.friederzimmermann.com

Waren dem Chefredakteur die kritischen Betrachtungen unangenehm?

Der bekannte Meteorologe und ehemalige ZDF-Wettermann Dr. Wolfgang Thüne, dem ich diesen Text zur Kenntnis gab, schrieb mir zurück:

Sehr gut lieber Frieder,

dass Du den Versuch unternommen hast, den Herrn AZ-Chefredakteur aus dem theoretischen Wolkenkuckucksheim wieder zurück auf den Boden der Wetter-Realität zu holen.

Wenn er eine gute Kinderstube hatte, wird er Dir freundlich aber nichts sagend antworten.

Warten wir’s ab.

Beste Grüße Wolfgang

AZ-Chefredakteur Roeingh antwortete mir weder freundlich noch nichtsagend. Er antwortete gar nicht.

Jetzt muss man keine Überlegungen über die Qualität seiner Kinderstube anstellen, sondern annehmen, dass ihm meine kritischen Betrachtungen unangenehm waren. Auch er ist gefangen zwischen der von der Windkraftlobby erfolgreich verbreiteten Vision von alternativen Energie Wind, die im Mix mit Wasser, Photovoltaik und Biomasse in der Lage sein soll, nicht nur die Kernenergie, sondern auch die Klimakiller Braun- und Steinkohle zu ersetzen einerseits und andererseits der Verzweiflung, die einen erfasst, wenn man in Erwägung zieht, dass diese Vision lediglich ein Illusion ist.

Was wäre, wenn die Grundlage, auf der wir als hochmodernes, hochinnovatives und hochleistungsfähiges Industrieland mit 80 Millionen Einwohnern, über 40 Millionen privaten Haushalten, 3,5 Millionen Unternehmen, 44 Millionen PKWs und knapp 3 Millionen LKWs unsere Energieversorgung der Zukunft aufbauen, eine Seifenblase ist? Verdrängen wir diesen Gedanken, weil nicht sein kann, was nicht sein darf?

Rheinterrassen im Süden Rheinhessens haben ihren Reiz schon eingebüßt

Bau einer neuen Windkraft-anlage.

Jedenfalls bauen wir weiter kräftig Windkraftanlagen. Die Wein- und Touristenregion Rheinhessen ist eine Windkraftanlagenregion geworden. Die traditionelle Kulturlandschaft ist in weiten Bereichen geradezu übersät mit bis zu 200 m und mehr hohen Türmen aus Stahl und Beton, die auf Fundamenten in der Größe eines Einfamilienhauses stehen. Während Städte und Gemeinden sich an ihre Ursprünglichkeit erinnern und z.B. keine Solaranlagen auf Dachlandschaften erlauben, lassen sie zu, dass Windenergieanlagen auf Naturlandschaften gestellt werden.

Die Frage, wie sich die riesigen Fundamente oder die pro Anlage eingesetzten 2.000 l Öl auf das Grundwasser auswirken, ist noch nicht gestellt, geschweige denn beantwortet. Auf gewaltigen Tiefladern werden gigantische Bauteile durch die Landschaft und durch kleine Dörfer zu ihren Bestimmungsorten transportiert.

Schäden, die dabei entstehen, müssen in kauf genommen werden.

Bäume, die dabei im Weg stehen und gefällt werden müssen, sterben für eine gute Sache.

Im Hambacher Forst ketten sich Umweltschützer an Bäume, um sie zu retten.

Die Rheinterrassen, ehemals ein landschaftliches Kleinod, haben im Süden von Rheinhessen ihren Reiz schon eingebüßt. Über der gesamten Hanglänge bis auf die Höhe von Guntersblum sieht man die Turmspitzen und Rotoren von zahlreichen Windkraftanlagen.

Den Beschwörungen von Politikern, von Natur- und Landschaftsschützern, dass die Rebhänge nördlich davon, der Hintergrund der Oppenheimer Altstadt und die Bruchkante des Roten Hangs zwischen Nierstein und Nackenheim verschont bleiben wird, will man da nicht so recht Glauben schenken.

Folge 3: Ex-Windenergie-Sprecher schreibt jetzt für die Zeitung – natürlich über Windenergie

Ein Gedanke zu „Der Chefredakteur sitzt im Wolkenkuckucksheim – und schweigt (2)

  1. Dr. Volkhart Rudert Antworten

    In den Jahren 2005/2006 hatte das Liberale Forum Oppenheim zahlreiche Fachleute und Wissenschaftler in einer Sequenz von Vorträgen zu dem Thema Energieversorgung als Redner eingeladen. Dazu gehörte damals auch Prof. Dietrich Pelte vom Physikalischen Institut der Universität Heidelberg, der aus einer Querschnittsvorlesung “Die Zukunft unserer Energieversorgung” vortrug (zwischenzeitlich als Buch erschienen). Zu solchen fundierten Vorträgen kamen zehn bis zwölf Zuhörer; die fundamentalen Zusammenhänge zu verstehen erfordert ein hohes Maß an naturwissenschaftlicher Bildung und da dies nicht jedem gegeben sein kann, glaubt man eher wortgewandt vorgetragenen, marktschreierischen Parolen, die den Himmel auf Erden und die Wucht der Solarenergie in gemäßigten Breiten versprechen. Dagegen wäre Augenmaß bei der anteilmäßigen Nutzung erneuerbarer Energien druchaus auch heute noch angezeigt und der Flächenverbrauch durch übermäßige Fleischproduktion verbunden mit der Methanproduktion der Rinder sollte eher im Fokus stehen, als die Vernichtung der Verstromung fossiler Energieträger. Letztenendes beruht unser Wohlstand auf einem hohen Verbrauch an Energie, wollen wir diesen senken, müssen wir lernen uns zu bescheiden. Aber wer will das schon?

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