Elitär oder gewöhnlich? Betrachtungen zum Wein aus Rheinhessen

In Rheinhessen wird Wein getrunken, besungen, als Kulturträger und Identitätsstifter gefeiert, vor allem aber großflächig angebaut und in einer für deutsche Verhältnisse großen Menge produziert, abgefüllt und auf den Markt gebracht. Mit einer Anbaufläche von rd. 26.400 Hektar (ha) ist Rheinhessen das größte deutsche Weinanbaugebiet. Es entspricht einer Fläche von mehr als 37.000 Fußballfeldern.

Schenkungsurkunden aus den Jahren 742 (Weinbergslage „Niersteiner Glöck“) und 766 (Weinberg bei Wintersheim) weisen die Region als Deutschlands ältestes Anbaugebiet aus.

Wenn wir einmal annehmen, dass in einem Erntejahr ausschließlich Qualitätswein geerntet wird, könnten in einem solchen Jahr theoretisch 2.772.000 Hektoliter (hl) Wein erzeugt werden, weil der Ertrag gesetzlich auf maximal 105 hl pro ha begrenzt ist. Abgefüllt in Einheiten zu je 0,75 Liter wären das rund 300 Millionen Flaschen. Tatsächlich werden seit Jahren nur rund 100 hl/ha und nicht selten deutlich weniger geerntet. 2017 waren es witterungsbedingt beispielsweise nur 76 und entsprechend weniger Flaschen.

Was in die Flaschen Jahr für Jahr in Rheinhessen gefüllt wird, ist zwar immer Wein. Trotzdem ist das, was Winzer, Erzeugergemeinschaften oder Kellereien dem Verbraucher als Wein aus Rheinhessen anbieten, alles andere als einheitlich. Rebsorten, Lagen, Qualitätsstufen, Farben, Ausbauarten, Reifegrade, Ausstattungen, Spezialitäten (z.B. bio, vegan, orange) und vor allem die Preise, zu denen Wein vom Erzeuger, vom Fachhandel, vom Einzelhandel, Supermarkt und Discounter angeboten werden, sind höchst unterschiedlich und machen Wein als Verkaufsobjekt sehr vielfältig und damit sehr kompliziert. Für manche Leute ist das aber noch nicht kompliziert genug. Sie fügen meist unausgesprochen, aber so gemeint, als Unterscheidungskriterien noch „elitär“ und „gewöhnlich“ hinzu. Und der Konsument, der die Wahrheit im Wein sucht, wird einmal mehr irritiert.

Selbsternannte Premiumwinzer verunglimpfen Berufskollegen

Diese Leute sind interessanterweise Winzer. Dabei handelt es sich um eine vergleichsweise kleine Gruppe Winzer, die sich selbst als eine Art Weinaristokratie begreift, die sich mit einer aus Superlativen bestehenden Philosophie schmückt und dabei ein ganz einfaches und profanes Ziel verfolgt, nämlich viel Geld mit ihrem Wein zu verdienen. Dazu reklamieren sie zunächst einen besonderen Status für sich als Premiumwinzer mit einem Alleinvertretungsanspruch für wahre Weinqualität. Sie verorten sich im sogenannten und selbst reklamierten Topsegment und scheuen sich dabei nicht, ihre Berufskollegen, die dieses Theater nicht mitmachen wollen, arrogant zu verunglimpfen.

Ein konkretes Beispiel? Bitteschön: Im AZ-Interview am 9. Dezember 2017 nimmt Hans Oliver Spanier, von einer in der Schweiz erscheinenden Fachzeitschrift mit einer Auflage von weniger als 60.000 Exemplaren, die sich selbst trotzdem großspurig „Europas Weinmagazin“ nennt, zum Winzer des Jahres gekürt, daraufhin für sich das Recht in Anspruch, Winzerkollegen, die nicht seiner elitären Philosophie folgen, als Jungs zu belächeln, die am Strand stehen, blöd aufs Meer schauen und den Tsunami nicht erkennen, der auf sie zukommt und sie “wegspülen wird”.

Was meint der Champagnertrinker, der mit seinen vielen Flugmeilen kokettiert und der den Wert des Getränks ausschließlich über den Preis definiert, mit Tsunami? Billigweine aus dem Ausland, die den deutschen Markt überschwemmen werden? Die stehen heute schon in den Regalen. Oder extrem teure Riservas und Grand Crus, die die Kaufkraft der deutschen Weintrinker abschöpfen werden? Diese Kaufkraft wird sich nur begrenzt erweitern lassen.

Wein zu bezahlbaren Preisen – unser größtes Problem?

Herr Spanier ist Mitglied dieses elitären Weinadels in Deutschland, der sich tatsächlich auf dem Olymp wähnt, auf den ihn die Parkers, Paynes, Diels, Lumpps, Knolls und wie sie alle heißen hinauf geschrieben haben. Von dort oben schaut er teils mitleidig, teils geringschätzig auf die Erzeuger, die ihren Wein unter 20 Euro die Flasche verramschen.

Warum gibt Herr Spanier sich nicht damit zufrieden, dass er seine 150.000 Flaschen pro Jahr für 20, 30 oder 40 Euro und mehr das Stück an reiche Chinesen verkauft? Warum erhebt er sich so snobistisch über die, die nicht der Weinaristokratie angehören? Wenn er Recht hätte mit der Feststellung, Deutscher Wein sei lächerlich billig und in Kalifornien würden 30 Dollar für ein Kilogramm Trauben (= 1 Liter Most) “für Einstiegsweine” (!) bezahlt, fragt man sich, wie es sein kann, dass bei Aldi und Co kalifornische Weine für 2 Euro im Regal stehen.

Überleben im Topsegment mag als Devise für Herrn Spanier und ein paar andere Edelwinzer zutreffen. Für die Mehrheit der deutschen Winzer kann es nicht gelten, muss es auch nicht. Warum auch sollte es “das größte Problem, das wir in Deutschland haben”, sein, dass unsere Winzer Wein zu bezahlbaren Preisen anbieten? Wenn unsere Winzer alle Spaniers wären und deren Weine dann 300 bis 500 Euro pro Flasche kosteten, was international ja keine Seltenheit sein soll, wo bleiben dann die Weinfreunde hierzuland, die kleine oder durchschnittliche Einkommen haben?

“Das Wertvollste, was wir haben, sind unsere Namen und damit unsere Marken”, sagt Spanier Das mag für den elitären Zirkel gelten, dem er angehört, und für den elitären Kreis potenter Kunden und Etikettentrinker, für die eine Flasche Wein mindestens 20 Euro kosten muss, um überhaupt etwas zu taugen.

Besser gesundes Selbstbewusstsein als interner Kannibalismus

In einer komplizierten Welt ist es ja so einfach, den Wert von Dingen an ihrem Preis festzumachen. Wo Geld keine Rolle spielt, kann man das machen, z.B. bei Kunst oder beim Genuss. Für den deutschen und damit auch den rheinhessischen Wein im Ganzen gilt: Das Wertvollste, was wir haben, sind unsere Lagen, unsere Rebsorten, unser Klima und unsere kompetenten Winzer, denen es gelingt, gute und sehr gute Weine in großer geschmacklicher Vielfalt zu erzeugen. Die Topsegment-Philosophie auf alle übertragen zu wollen, ist anmaßend und unrealistisch. Selbsternannte Premiumweine können nur die kaufkräftige Kunden erreichen, die gesellschaftliche UpperClass der Schönen und Reichen, in deren Reihen sich dann auch so mancher aufstrebender Winzer wohlfühlen mag.

Dabei müssen wir uns im Wettbewerb mit anderen weinproduzierenden Ländern gar nicht auf den Contest im Topsegment zurück ziehen. Die großen weinproduzierenden Länder in Südeuropa und Übersee haben klimatische Vorteile, aber auch im Marketing hochprofessionelle, überlegene Strukturen. Die klimatischen Vorteile erlauben es ihnen, auf großen Flächen mit vergleichsweise geringem Aufwand hohe Erträge zu erzielen. Sie können so trotz niedriger Verkaufspreise auskömmliche Gewinne erzielen.

Diesen Nachteile können wir in Deutschland wegen weniger Sonne, kleineren Flächen und höherem Kostenaufwand nicht ausgleichen. Beim Marketing können wir aber noch dazu lernen und Rückstände aufholen. Der erste Schritt in diese Richtung ist ein gesundes Selbstbewusstsein statt eines internen Kannibalismus’, bei dem die Großen und Starken versuchen, die kleinen und mittleren wegzubeißen. Wir haben Marktwirtschaft, und der Preis ist bei der Kaufentscheidung ein wichtiges Kriterium.

Zwischen Topsegment und Ramschtheke liegt eine große Marktchance

Die Winzer, die dem Markt ein Angebot machen, platzieren sich mit dem Preisschild in einem bestimmten Segment. Der Kunde bedient sich dann seiner individuellen Kaufkraft entsprechend in einem jeweiligen Segment. Wer im Regal nach den billigsten Weinen greift, wird in diesem Segment keine deutschen finden. Das ist aber bei Autos nicht anders und deshalb nicht schlimm. Der Wettbewerbsvorteil deutscher Weine ist, dass sie in den verschiedenen Segmenten darüber, von den einfachen Qualitätsweinen bis hoch zu den absoluten Premiumweinen, ein vielfältiges und absolut konkurrenzfähiges Angebot machen können.

Das Topsegment ist klein, launisch und kapriziös. Für den, der es bedient, bedeutet das Unberechenbarkeit und Risiko. Da muss man sich an ein Klientel anpassen, das umschwärmt und betüttelt werden will. Da muss man mitspielen. Da ist Weinqualität nur ein Kriterium neben Renommee, Status, Performance, Glanz, Glamour usw. Für das Topsegment ist daher nur ein kleiner Teil unserer Weine und unserer Winzer geeignet.

Zwischen dem Topsegment und der Ramschtheke gibt es aber noch das breite Segment der guten Weine zum fairen Preis, in dem sich der Durchschnittsverbraucher bedient. Und gerade hier hat die Mehrheit unserer Winzer ihre Marktchance.

Rheinhessen-Wein ist in den letzten Jahren deutlich besser geworden

Wir haben in Deutschland hervorragende Bedingungen (Klima, Böden, Winzerkompetenz), die es erlauben, guten Wein zu fairen Preisen zu erzeugen, die auch den Beziehern kleiner und mittlerer Einkommen den Weingenuss ermöglichen. Die Verbindung von Mengenbegrenzung durch die gesetzliche Hektarertragbegrenzung und der erkennbar werdenden Änderung der klimatischen Bedingungen haben zu durchweg guten Jahrgängen seit 2003 geführt.

In Rheinhessen war es in den vergangenen 15 Jahren schwer, keine Spätlese (Mindestmostgewicht 85° Oechsle) zu ernten. Auslesequalitäten (mindestens 95° Oechsle) waren früher eine bejubelte Ausnahme und sind heute verbreitet. Von Jahrgängen mit sauren Weinen lesen wir nur noch in Chroniken. Heute reifen die Trauben auch Dank modernen Pflanzenschutzes gesund und lange. Gelegentlich tritt sogar das Phänomen zu geringer Säurewerte auf, das man aus südlichen Weinländern kennt.

Zusammengefasst heißt das: Auch in Rheinhessen ist die Weinqualität in den vergangenen Jahren durch die Bank deutlich besser geworden. Wenn dann Weine, die wegen fehlendem Renommee, ohne klangvollem Namen, ohne den Segen einer glänzenden Auszeichnung sowie ihre Erzeuger und ihre Konsumenten als „gewöhnlich“ tituliert oder so angesehen werden, passt das zum aristokratischen Selbstverständnis der im Topsegment vereinten Elite und ihrer Höflinge, die Vinum, Eichelmann, Gault Millau, Fallstaff oder sonstwie heißen, die sich als Teil des aristokratischen Systems begreifen und kräftig mitverdienen.

Da wir in einem freien Land mit einem marktwirtschaftlichen Ordnungssystem leben, ist dagegen im Prinzip gar nichts zu sagen. Der Weinadel darf sich gerne auf derselben gesellschaftlichen Ebene platzieren wie der Geldadel oder der Prominentenadel und hier seine Eitelkeit und seinen Hochmut pflegen. Er darf auch gerne mit viel Aufwand und geringen Mengen exklusive Weinspezialitäten kreieren und für viel Geld an potente Käufer bringen. Er darf auch gerne dem unmündigen Verbraucher auf die Nase binden, ein bekanntes Gesicht, ein bekannter Name oder eine bekannte Marke auf dem Etikett stünden allein schon für höchste Qualität und rechtfertigten einen relativ hohen Preis (Gruß an Günther Jauch!).

Hierzulande geht es um ein gesundes Preis-Leistungs-Verhältnis

Problematisch wird es, wenn die Herrschaften eine Art Standesdünkel praktizieren, einen Alleinvertretungsanspruch für Weinqualität oder für Weinkompetenz an sich reklamieren und erst recht, wenn sie verächtlich auf die Berufskollegen herab schauen, die sich Bodenhaftung bewahrt haben, die sich auf das konzentrieren, wofür sie ausgebildet wurden, die mit Fleiß und Sorgfalt ein hochwertiges Produkt erzeugen und ihrer Kundschaft zu einem vernünftigen Preis anbieten.

Dass ein guter Bordeaux 40 Euro und mehr bis sehr viel mehr kostet, wundert hierzulande niemand, dass eine rheinhessische Große Lage ähnlich teuer ist, schon. Dann fragt man sich doch: Sitzen die Abnehmer höherklassiger Weine vor allem im Ausland? Wenn wir „Klasse“ sagen und „Preis“ meinen, trifft das wahrscheinlich zu. Dann ist das so wie bei der Klasse von Fußballspielern. Dann gibt es im Ausland sicherlich mehr zahlungskräftige und zahlungswillige Abnehmer als in Deutschland. Die zu bedienen, ist legitim. Hierzulande wird aber nicht ohne weiteres jeder Preis bezahlt. Hier heißt es weniger „Was kann ich bezahlen?“ und mehr „Was will ich bezahlen?“. Dann geht es um das Preis-Leistungs-Verhältnis, und dann darf man sich freuen, wenn ein guter Wein nicht unbedingt teuer ist.

Weil ihnen der Binnenmarkt zu provinziell und zu bieder ist, suchen die deutschen Premiumwinzer gerne das internationale Parkett. Messen und Weinpräsentationen in China sind dabei bevorzugte Events, bei denen die Teilnahme auch noch vom Deutschen Weininstitut (DWI) gefördert wird. China ist aber ein sehr spezieller Markt für Wein. Der breiten Masse der rd. 1,4 Milliarden Chinesen ist Wein völlig fremd. Im riesigen China wird pro Jahr ziemlich genauso viel Wein getrunken wie im kleinen Deutschland. Trotz zahlreicher Kampftrinker liegt der Pro-Kopf-Verbrauch bei Wein im Reich der Mitte bei einem einzigen Liter.

Der chinesische Markt ist lukrativ – aber nur eine Nische

Mit den gewaltigen Entwicklungen der chinesischen Wirtschaft ist jedoch eine kleine gesellschaftliche Oberschicht entstanden, die teils zu märchenhaftem Reichtum gelangt ist. Wer hier zuhause ist, leistet sich alles, was als Privileg der Reichen gilt: Designermode, Schmuck, Luxusautos, Learjets, exklusive Gemälde an der Wand sowie natürlich Kaviar und Hummer auf dem Teller und Chateau Lafite und Brunello di Montalcino im Glas. Da gilt: Was gut sein will, muss teuer sein, je teurer desto besser.

Wenn Chinesen dann deutsche Spitzenweine lieben, sollten wir sie nicht enttäuschen. Hier können deutsche Winzer lukrative Nischen suchen und bedienen, sie müssen das aber nicht. Unser Binnenmarkt ist höchst attraktiv. In Deutschland und in den Nachbarländern sind Nachfrage und Kaufkraft auf hohem Niveau gebündelt vorhanden, die darauf warten, erschlossen zu werden. Diese Märkte sind mit dem Auto oder der Bahn erreichbar.

Seit vielen Jahren vernachlässigen wir diese Märkte und versuchen mit viel Energieeinsatz Marktanteile im fernen Ausland zu gewinnen, obwohl wir aufgrund der vergleichsweise geringen Mengen und der großen Vielfalt an Rebsorten, Qualitätsstufen und Geschmacksrichtungen dort niemals nennenswerte Marktanteile besetzen und sichern können.

Auslandsaktivitäten der deutschen Weinwirtschaft müssen daher immer nach der Verhältnismäßigkeit und ihrer messbaren Effektivität bewertet werden. Die deutsche Automobilindustrie, Chemie oder Maschinenbau sind höchst exportorientiert, würden aber niemals den Binnenmarkt vernachlässigen. Auf den Wein übertragen, heißt das: Die Auslandsnachfrage bedienen, aber vor allem der Stammkundschaft vor Ort anbieten, was sie trinken möchte. Das bedeutet Qualität nicht nur in der Oberklasse, sondern auch in der für viele bezahlbaren Einstiegs- und Mittelklasse. Die große Mehrheit der heimischen Winzer, die Erzeugergemeinschaften und die Kellereien haben genau diese Qualitäten im Portfolio. Das Heil der deutschen Weinwirtschaft liegt nicht in China.

Aus dem Drama “Liebfrauenmilch” die richtigen Lehren ziehen

Ein früher einmal sehr bedeutenden Exportmarkt für deutschen Wein war Großbritannien. Aus vielerlei Gründen war es für deutsche Winzer lukrativ, hier einen Absatzmarkt zu finden und zu besetzen. Das änderte sich schrittweise und mündete schließlich in einem dramatischen Einbruch beim Absatz, bei dem Großbritannien bei den Exportzahlen zuletzt hinter Norwegen auf Platz vier zurückfiel. Als Schuldigen machten die Experten schnell die über viele Jahre im Export erfolgreiche „Liebfrauenmilch“ aus, ein lieblicher, leichter, unkomplizierter Wein ohne Lagen-, Rebsorten- und Prädikatsangabe.

Die Frage „Gibt es einen (Export-) Markt für einen deutschen unkomplizierten, leichten Weißwein mit moderatem Alkoholgehalt, mäßiger Säure, mit vernehmlicher Restsüße, der ohne Rebsorte, Lagebezeichnung und Erzeugerangabe auskommt und unter einem gängigen Markennamen und einer modernen Ausstattung mit hohem Wiedererkennungswert im Supermarkt angeboten wird?“ wurde gar nicht erst gestellt. Dabei gibt es auf diese Frage derzeit noch keine fachlich fundierte Antwort. Statt dessen biss man sich an der Theorie fest, die Marke Liebfrauenmilch sei für den Absturz verantwortlich und würgte jede Diskussion, die an der reinen Lehre (rebsortenrein, standortrein, erzeugerrein und natürlich trocken) auch nur kratzte, rigoros ab. Jetzt stehen Weine für über 20 Pfund in britischen Ladenregalen ab und niemand erklärt den Kunden den Terroir-Begriff.

Die Erarbeitung einer Strategie für die Zurückgewinnung von Marktanteilen im Export und die Fortsetzung der Qualitäts- und Identitätsoffensive der jungen Winzer hierzuland ist gar kein Gegensatz. Der deutsche Konsument mag die Liebfrauenmilch nicht. Sie hatte aber auf dem Binnenmarkt nie wirklich eine Bedeutung. Hier haben die Winzer bereits ein lohnendes Betätigungsfeld beim Kampf um Marktanteile. Hier sind ihre Konkurrenten Importweine, die als Marke firmieren und häufig ohne Rebsorten- und Erzeugerangabe auskommen.

Deutsches Weininstituts unterstützt Winzer zu wenig

Importweine haben ihren Marktanteil in Deutschland in den letzten Jahren kontinuierlich ausgebaut und belegen aktuell gut 57 Prozent! Schon dieser Wettbewerb ist ein lohnender Ansatz für Marketingstrategen, aber auch auf dem Binnenmarkt ist eine Erfolgsstrategie des DWI nicht erkennbar. Die Winzer, die das DWI mit ihren Beiträgen finanzieren, sind hier weitgehend auf sich gestellt, sind als Selbstvermarkter Einzelkämpfer, die zu der Schiene, über die der meiste Wein in Deutschland verkauft wird (Lebensmitteleinzelhandel: 75 Prozent), häufig gar keinen Zugang haben. Hier könnte das DWI sich verdient machen.

Wenn das DWI darüber hinaus marktkonforme Strategien für die relevanten Exportländer entwickelt, schafft es keine Eigentorgefahr für unsere jungen Winzer, sondern die Aussicht auf eine Verbesserung der Markt- und Preissituation für die Fasswein vermarktenden Winzer, die es neben den Erzeugern von Premiumprodukten halt auch noch gibt. Wenn der Begriff Liebfrauenmilch sich dabei als Hindernis erweisen sollte, kreiert man eben einen anderen. Deutscher Wein hat auf den Weltmärkten leider nicht den Status wie deutsche Autos, deutsche Maschinen oder deutscher Pharmaprodukte, die sich unter dem Label “Made in Germany” fast von selbst verkaufen. So zu tun und dabei das weitere Abwandern der Kunden zur Konkurrenz mit dem Hinweis “Sie wissen es halt nicht besser” in Kauf zu nehmen ist vielleicht heldenhaft, aber marktwirtschaftlich ignorant und tödlich.

Die ganze Wahrheit erschließt sich nur durch das Probieren

In vino veritas – Im Wein ist Wahrheit. Ein Satz, der dem griechischen Dichter Alkaios von Lesbos (630-580 v.Chr.) zugeschrieben wird. Zunächst liegt die Wahrheit auch tatsächlich im Wein. Nicht auf dem Etikett, obwohl das Weinbezeichnungsrecht Wahrhaftigkeit gebietet. Nicht in der sensorischen Expertise, die immer Resultat einer einseitigen Wahrnehmung ist. Nicht im Preis, der sich aus einer betriebswirtschaftlichen Kalkulation ergeben hat. Nicht im Ranking von „Experten“, die ihre Hitlisten jedes Jahr gewinnbringend als Bücher verkaufen.

Jeder Wein hat seine eigene Wahrheit, die Rebsorte, Terroir (Boden, Topografie, Kleinklima) und Winzerkompetenz beinhaltet. Dass ein Wein frei von Zusatz- und Schadstoffen ist, keine Fehltöne aufweist, in Farbe, Geruch und Geschmack sauber und für seine Rebsorte typisch ist, gewährleistet die Amtliche Prüfnummer auf der Flasche. Das ist ein wesentlicher Teil der Wahrheit.

Die ganze Wahrheit erschließt sich dann durch das Probieren. Wahrheit ist wichtig. Sie muss aber auch schmecken. Der ganze Zinnober, den die Topstars der Weinszene gerne um ihre exklusiven Premiumweine veranstaltet, verpufft rasch, wenn man die Flasche mit dem teuren Stoff mit einer Maske anonymisiert und in eine Reihe mit vergleichbaren, ebenfalls maskierten Weinen von ein paar Normalo-Winzern, Genossenschaften und Kellereien stellt. Diese Reihe lässt man von eine Gruppe zufällig ausgewählter Weinkonsumenten durchprobieren und von jedem mit einem Preis bewerten, den der Einzelne jeweils bereit wäre, für den jeweiligen Wein zu zahlen. Dann kommt die Wahrheit auf den Tisch.

Die Wahrheit beim Wein hat jedenfalls nicht der Weinadel gepachtet. Die von ihm reklamierte Ausschließlichkeit von Herkunft, Marke und Name gibt es nicht. Die Wahrheit auch für Wein ist der Markt, und der ist breit, segmentiert und vielgleisig.

Von den wichtigsten Wein-Ländern können wir lernen

Jeder Wein, den jemand kauft, weil er ihm schmeckt, hat seine Existenzberechtigung. Der großgewächsige Terroir-Riesling, aber auch der Müller-Thurgau-Schoppenwein und auch süßer Bacchus. Das ist übrigens in den Wein anbauenden Ländern, aus denen die namhaftesten, edelsten und teuersten Weine kommen, nicht anders, was die Berechtigung des Sowohl-als-auch bestätigt.

In Frankreich, in Spanien oder in Italien käme niemand auf die Idee, Winzer oder Konsumenten auf das Topsegment einzuschwören, weil die zu vermarktenden Weinmengen, die sehr viel größer sind als in Deutschland, niemals allein im Topsegment abgesetzt werden könnten. Die Weinwirtschaft dieser Länder pflegt auf der Verbraucherseite die Basis genauso wie die Premiumklasse, während wir den bei 20 l Wein pro Kopf und Jahr liegenden Pro-Kopf-Verbrauch (Tendenz fallend) offenbar als schicksalhaft betrachten.

67 Millionen Franzosen trinken pro Jahr fast 30 Millionen hl Wein, aber nur rd. 20 Millionen hl Bier. 80 Millionen Deutsche begnügen sich mit 17 Millionen hl Wein, lassen aber deutlich mehr als 85 Millionen Bier zischen. In Frankreich ist Wein mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 46 l/Jahr ein Volksgetränk, um nicht zu sagen ein Grundnahrungsmittel. In Italien oder Portugal (je 42 l) ist das auch so, in Deutschland nicht.

Soll jetzt der Wein hier auf ein Topsegment reduziert werden, in dem eine kleine Winzer-Elite eine kleine Konsumenten-Elite bedient?

Die ganz entspannte Antwort eines gewöhnlichen Weingenießers

Das Topsegment bildet, legt man die Qualiätspyramide des Verbands deutscher Prädikatsweingüter (VDP) zu Grunde, die Spitze dieser Pyramide, und auf der Spitze einer Pyramide ist bekanntlich wenig Platz. Deshalb sollten wir in Deutschland, wir in Rheinhessen uns die Gelassenheit der Franzosen, Spanier und Italiener in dieser Frage zu eigen machen.

Das Topsegment ist beim Wein, wie bei anderen Produkten auch, etwas für Kunden, die sich das leisten können und wollen, die auf Status Wert legen, die sich mal etwas Außergewöhnliches gönnen wollen oder die den vom Weinadel reklamierten Anspruch einfach einmal mit ihrer eigenen realen Wahrnehmung abgleichen wollen. Eine Flasche Riesling Großes Gewächs aus einem namhaften VDP-Weingut für 49 Euro + x eignet sich dafür.

Für den alltäglichen Genuss allerdings ist der Weinfreund aber auch mit einem prima Wein seiner geschmacklichen Präferenz, der auf dem Etikett seine Herkunft, seine Art, seinen Jahrgang und (ganz wichtig) die Amtliche Prüfnummer (AP-Nr.) ausweist, sehr gut bedient.

Wenn die Weinaristokratie von den Türmen ihrer Schlösser dann mitleidig auf uns herab schaut und uns gewöhnlich nennt, halten wir das aus und antworten ganz entspannt mit einem fröhlichen „Prosit!“.

 

4 Gedanken zu „Elitär oder gewöhnlich? Betrachtungen zum Wein aus Rheinhessen

  1. Dr. Michael Anheuser Antworten

    Frieder Zimmermann analysiert sehr präzise und umfassend den Markt für den deutschen Wein. Meine Erfahrungen mit Weintrinkern in einigen “nicht Wein”-Gegenden bestätigen sein Fazit sehr treffend.
    Aus meiner Sicht fehlt aber noch das Argument der Kundenbindung.
    Viele der rheinhessischen Winzer leben vom Direktvertrieb und kennen einen Großteil ihrer Kunden persönlich.
    Dies ist bei den sogenannten Premiumwinzern aufgrund der Vertriebswege oft nicht der Fall. Wie gefährlich dies aber sein kann, hat der Glykolwein-Skandal in der Mitte der 80er Jahre gezeigt.
    Damals haben die großen Weingüter und Kellereien viele ihrer “anonymen” Kunden verloren und gerieten in der Folge in sehr große wirtschaftliche Schwierigkeiten (bis hin zur Insolvenz). Dagegen konnten die kleineren Weingüter aufgrund der persönlichen Kundenbindungen ihren Absatz halten oder sogar steigern.
    Dies zeigt, dass es den Königsweg nicht gibt und jegliche Form der Arroganz nicht angebracht ist – gemäß dem alten deutschen Sprichwort: Hochmut kommt vor dem Fall.

    • Marcus Hofschuster Antworten

      Der Hinweis auf den Glykolskandal ist hier völlig fehl am Platz. Damals begingen Großkellereien aus reiner Profitgier – und um ihre oft miserable Qualität zu kaschieren – Straftaten. Und die “Kleinen” haben reihenweise aufgegeben und der Trend ist bis heute nicht gestoppt. Gerade als “Kleiner” kann man sich einfache Qualitäten zu kleinen Preisen nicht leisten.

      Heute sind die Großen immernoch Kellereien mit oft mäßiger Qualität. Die hier als elitär angeprangerten “Großen” Privatweingüter sind hingegen die, die dem deutschen Weinbau wieder zu nationalem und internationalem Renommée verholfen haben, durch enorme Qualitätssteigerung, aber auch durch das Erschließen neuer Märkte (und hier, wie in so Manchem, irrt der Autor des Artikels gewaltig, was die Bedeutung der internationalen Märkte nicht nur für die Reputation des deutschen Weins im Ausland, also in er angeblichen “Nische” angeht).

      In Wahrheit sind alle deutschen Erzeuger Nischenerzeuger. Deutschlands Weinbau ist kleiner als der von Bordeaux. Wer sich angesichts unserer Bedingungen als Erzeuger auf einfache Massenware spezialisiert und sich dann wundert, warum er gegen ausländische Konkurrenz, die Besseres billiger produzieren kann, schwer ankommt, hat den Schuss einfach nicht gehört. Da hilft auch Marketing nur sehr bedingt (oder nur wenigen Verkaufsprofis, die ihren Kunden auch Durchschnittsware als Edelstoff anzudrehen wissen). Und je kleiner der Betrieb, desto überlebenswichtiger wäre konsequentes Qualitätsstreben. Wie soll die angesprochene “Kundenbindung” sonst auch heute noch funktionieren? Das geht nur durch überzeugende Qualitäten, durch Mittelmaß zu selbstzerstörerischen Preisen ganz sicher nicht.

      Ganz davon abgesehen, dass die hier so abfällig “selbsternannte Eliten” (soviel zur “Arroganz”) titulierten Spitzenwinzer das Marketing für alle anderen kostenlos mitmachen und für eine Marktsituation sorgen, in der ein halbwegs qualitätsorientierter Produzent allein deshalb einen Euro pro Flasche mehr verlangen kann, weil es diese Topwinzer gibt, die den Boden dafür bereiten. Und die – hier natürlich wieder verunglimpften und unweigerlich “selbstarnannten” – Experten aus der Weinkritik haben durchaus ebenfalls ihren Anteil daran, zumindest die, die seriös arbeiten.

      • Frieder Zimmermann Antworten

        Offenbar habe ich nicht ausreichend deutlich gemacht, dass ich 1.überhaupt nichts dagegen habe, wenn Premiumwinzer im Ausland die Nachfrage nach exklusiven Spitzenweinen zu exklusiven Spitzenpreisen bedienen, und 2. dass ich unseren guten Winzern ganz und gar nicht ganz und gar nicht dazu rate, auf “einfache Massenware” oder auf “Mittelmaß zu selbstzerstörerischen Preisen” zu setzen.

        Ich hatte versucht aufzuzeigen, dass es wie im Fußball zwischen der Champions League und der Bolzplatzkickerei auch im Weinsektor zwischen der Elite und Tetrapackbefüllern noch etwas dazwischen gibt. Dieses Segment als den Bereich der “Durchschnittsware” abzuqualifizieren, ist schon unnötige Diskrimminierung. Wenn Durchschnitt auch nicht Spitze ist, dann ist er aber doch längst nicht unterste Schublade. Mein Anliegen war aufzuzeigen, dass in Rheinhessen, wie in den anderen deutschen Anbaugebieten auch, im mittleren Qualitätsbereich gute und sehr gute Weine auf dem Markt sind, zu durchschnittlichen Preisen, die sich auch durchschnittliche Menschen leisten können. “Durchschnittlich” ist alles andere als ein negativer Begriff. Das gilt für den Menschen wie für den Wein.

        Die Kellereien so pauschal abzubürsten (“mit oft mäßiger Qualität”) ist unfair. Die Kellereien nehmen immerhin rd. zwei Drittel des geernteten Traubenmosts auf und sorgen für das Einkommen der Fassmarkterzeuger. Dass hier höhere Erzeugerpreise gezahlt werden müssten, trifft zu, ist aber auf einem anderen Feld zu diskutieren.

        Statt den Durchschnittswinzer und den Durchschnittskunden zu verachten, sollte man ihnen dankbar sein. Den Winzern für gute Weiune zu fairen Preisen und den Kunden für die breite Nachfrage, die es zu fördern und auszubauen gilt. Denn die ist im Durchschnittssektor längst nicht ausgeschöpft.

        Ich weiß zwar nicht, was ein “halbwegs qualitätsorientierter Produzent” ist, vielleicht so etwas wie ein halbwegs torinteressierter Stürmer zur Zeit in der Nationalmannschaft, aber die Unterstellung, das Renomee der Spitzenwinzer erlaube dem Durchschnittswinzer, dass er “einen Euro pro Flasche mehr verlangen kann”, ist – zurückhaltend ausgedrückt – nicht belegt. Das Marketing der Spitzenwinzer bringt ihm gar nichts. Im Gegenteil muss er gegen das Vorurteil ankämpfen, guter Wein sei nur etwas für bessere Leut’ und für Kenner, die Kalkmergel und Tonschiefer herausschmecken.

        Wenn Wein, wie in Frankreich, Italien, Spanien, Portugal usw. ein Volksgetränk wäre, gäbe es unsere Diskussion gar nicht. Die Winzer hier würden wie heute schon die Winzer dort, Wein für alle Nachfrager erzeugen und am Markt anbieten.

  2. Anita Lappas Antworten

    Wenn Herr Zimmermann doch nur auf diesen unterschwelligen “Biss” verzichten könnte, dann wären seine Zeilen sogar gut.

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