Geld und Gier lassen Windkraftanlagen im Alzeyer Land wuchern (3)

Ein Vogelschwarm bei Dorn-Dürkheim. Naturschützer klagen, dass Windkraftanlagen für manche Vogelarten bestandsgefährdend sind – und dass Windkraftlobbyisten die wissenschaftlichen Erkenntnisse in Frage stellen.

Serie von Frieder Zimmermann: Windenergie in Rheinhessen, Folge 3

Schauen wir ins Alzeyer Land, die idyllische Region mit den knuddeligen Hügeln, dem lebhaften landschaftlichen Wechsel von Ackerland, Weinbergen und natürlichen Inseln mit ursprünglicher Vegetation aus Bäumen und Büschen, Gras und Kräutern.

Knapp 25.000 Einwohner verteilen sich hier auf 24 Ortsgemeinden und rd. 174 km², also jede Menge Platz für Natur- und Kulturlandschaft. Aber auch jede Menge Platz für Windkraftanlagen.

„Geballte Zone für Windparks“ titelte die Heimatzeitung AZ am 10. November 2018. Anlass war der bei zwei Enthaltungen gefasste Beschluss des Verbandsgemeinderates über eine Änderung des Flächennutzungsplans. Schutzbedürftige Brutgebiete von Rohrweihen und Rotmilanen sorgten dafür, dass 95 Hektar für Windparks vorgesehene Flächen aus der Planung heraus genommen werden mussten.

Zum Ausgleich wurden aber 145 Hektar neu ausgewiesen, so dass nunmehr 1.038 Hektar Areal für Windparks im Verbandsgemeindegebiet zur Verfügung stehen. Das entspricht einer Fläche von 1.454 Fußballfeldern und sechs Prozent des gesamten VG-Gebiets.

In Rheinland-Pfalz sind zwei Prozent der Fläche als Windkraftflächen vorgesehen. In Alzey-Land hat man dieses Ziel bereits weit übertroffen.

Als “geballte Zone für Windparks” wird das Alzeyer Land den letzten Rest seiner Unschuld als Landschaftsidyll verlieren. „Wir sind schon weit überfrachtet“, wagte ein Ortsbürgermeister laut AZ in die Runde zu werfen. Er blieb ungehört. Gegen das Totschlagsargument von der „Windkraft als Zukunftstechnologie der Energiegewinnung“ hatte er keine Chance, obwohl dieses Argument nachweislich falsch ist.

Ein Ratsmitglied, dessen Name hier ungenannt bleiben soll, ließ aber dann doch die Maske fallen, indem er das Gerede von der Versorgungssicherung und der Zukunftstechnologie wahrscheinlich ungewollt als Vorwand entlarvte. Er äußerte nämlich sein Bedauern, „dass der VG-Rat  der vorigen Wahlperiode es versäumt habe, ‘einen Solidarpakt zu schnüren’, bei dem alle Gemeinden von der Errichtung von Windkraftanlagen profitieren.“

Das ist des Pudels Kern.

In Rheinhessen spiegelt sich die Gier von Unternehmen und Kommunen

Das Alzeyer Land ist ein Paradebeispiel, an dem man prima aufzeigen kann, dass es bei der Windenergie in Wahrheit nicht um das Klima, um die Sicherung der Versorgung oder um die ökologische Wende, sondern vor allem um Profit und um die Gier von Unternehmen der Energiebranche, Kommunen und Landbesitzern geht. Alle wollen von dem Milliardenkuchen ein möglichst großes Stück abhaben.

Dass dabei große Teile der Landschaft mit Fauna und Flora zum Teufel geht, wird zumindest billigend in kauf genommen oder einfach übersehen. Wenn Eurozeichen in den Augen aufblitzen, wird der Blick getrübt, und die Realitäten von schwachen Energiebilanzen und verschandelten Landschaften werden verdrängt. Alle wollen profitieren, sagt ein Kommunalpolitiker öffentlich.

Er hätte auch sagen können, dass alle Gemeinden ihren Beitrag zur Sicherung der Energieversorgung und zur Rettung des Klimas leisten wollen. Das aber sagte er nicht.

Wie einst bei der Kernenergie, als getrickst wurde, indem man bei der Kostenberechnung den Aufwand für Wiederaufbereitung und Endlagerung außen vor ließ, werden auch bei der Windenergie künftige Belastungen, etwa beim Rückbau von Altanlagen, und Negativfaktoren, wie etwa die Verwendung von Permanentmagneten in den modernen Baureihen, für die Metalle sogenannter seltenen Erden verbaut werden (200 kg pro Megawatt Leistung), verschwiegen.  Seltene Erden werden überwiegend in China und dort unter für die Umwelt katastrophalen Bedingungen abgebaut.

Man darf bezweifeln, ob das einem Mitglied des Rates der Verbandsgemeinde Alzey-Land bekannt ist. Man darf aber annehmen, dass ihm die gerechte Gewinnverteilung der Einnahmen aus Windparks wichtiger ist.

Ex-Juwi-Pressesprecher wird AZ-Redakteur und bagatellisiert TÜV-Warnungen

Am Ende noch eine Episode. Bereits im Mai 2018 bezeichnete laut der Zeitung Die Welt ein TÜV-Experte in die Jahre gekommene Windkraftanlagen als „tickende Zeitbomben“. Laut AZ vom 2. November 2018 listet der TÜV 50 gravierende Schäden pro Jahr an Windkraftanlagen auf und spricht von einem Sicherheitsrisiko für Mensch und Umwelt.

Der  Redakteur, der für den Artikel in der AZ verantwortlich zeichnet, relativiert diese Bewertung der Fachleute, indem er sie bereits in der Überschrift infrage stellt: „Sind Windräder gefährlich?“ Die TÜV-Studie hatte diese Frage klar mit ja beantwortet. Im Kommentar zu dem Bericht dann bagatellisiert er die Warnungen des TÜV: „Kein Drama“, macht sich über die Expertenmeinung geradezu lustig: „schießt man übers Ziel hinaus“ und „zu dick aufgetragen“.

Auf seiner LinkedIn-Seite stellt sich Ralf Heidenreich noch immer als juwi-Pressesprecher vor.

Artikel und Kommentar stammten von Ralf Heidenreich, mit Unterbrechung seit vielen Jahren Wirtschaftsredakteur bei der AZ. Während der Unterbrechung war er längere Zeit Pressesprecher und PR-Chef beim Projektentwickler Juwi in Wörrstadt. Als Schelm, der sich dabei etwas denkt, habe ich ihn am 4. November direkt angesprochen:

Hallo Herr Heidenreich,

ist es Ihnen als ehemaliger PR-Chef von JUWI nicht manchmal peinlich , ohne Scheu und so offen als Lobbyist der Windkraftindustrie aufzutreten?

Wie bringen Sie nur das Maß an Zynismus auf, den massenhaften, von Rotorblättern verursachten Tod von Vögeln und Fledermäusen zu ignorieren und sich über die ernste Warnung des TÜV vor Gefahren für Menschen geradezu lächerlich zu machen? Was sagen Sie, wenn der erste Mensch (Landwirt, Wanderer) erschlagen wird?

Sie werden nicht verhindern können, dass sich die Skepsis gegenüber der Windkraft in der Bevölkerung ausbreitet, wenn unsere einst schöne Landschaft mit immer mehr und immer mächtigeren Windkraftanlagen zugestellt wird, wenn die geringe Effizienz und schwache Energiebilanz sowie nicht zuletzt die ökologisch äußerst fragwürdige Technologie mehr bekannt wird.

Ich habe das in meinen bislang drei Rheinhessenkrimis schon angerissen und bleibe weiter dran. Sie liefern mir immer Stoff für meine Sammlung.

;o)

Mit freundlichen Grüßen

Frieder Zimmermann

www.friederzimmermann.com

Schon am Tag darauf die Antwort:

Hallo Herr Zimmermann,

wenn Sie mir Belege dafür liefern, dass ich in der Zeitung als Lobbyist auftrete, können wir gerne weiter diskutieren. Aber einfach mal so solch einen Vorwurf zu äußern, nur weil mein Kommentar nicht Ihre Meinung widerspiegelt, ist kein guter Stil. Allein, dass ich das zum Thema gemacht habe, spricht gegen Ihre Sicht.

Würde ich als Lobbyist agieren, hätte ich die Kritik des TÜV links liegen lassen. Ich lasse in dem Beitrag den TÜV-Verband groß und breit zu Wort kommen, Text und Überschrift sind nun wirklich nicht Windenergie freundlich.

Ich kann Ihnen versichern, dass sich die Windbranche über den Artikel ebenfalls ärgert. Wenn Sie meine Artikel zu den Themen Juwi, Windenergie und Energiewende verfolgt haben, müssten Sie eigentlich zu einem anderen Schluss kommen.

Grüße

Ralf Heidenreich

Das konnte natürlich nicht so stehen bleiben. Ich antwortete sofort:

Hallo Herr Heidenreich,

nicht, dass ich Ihnen jetzt eine längliche Diskussion aufzwingen wollte, aber Ihre Rückmeldung, für die ich schon sehr dankbar bin, kann nicht einfach so stehen bleiben.

Den Lobbyismusvorwurf brauche ich nicht zu belegen. Wir sind hier ja nicht in der Beweisaufnahme. Es ist der Eindruck, der sich mir als treuer, aber kritischer Leser der AZ über lange Zeit aufgedrängt hat. Der Vorwurf wurde nicht wegen dieses einen Kommentars geäußert. Die Stilfrage stellt sich daher nicht.

Sie lassen den TÜV im Beitrag zu Wort kommen. Richtig. Sie relativieren aber die objektiven Berechnungen und die daraus ganz sachlich abgeleiteten Bewertungen schon in der Überschrift, indem Sie diese Bewertung in Frage stellen.

Im Kommentar schließlich entwerten Sie die TÜV-Studie im Handstreich (“schießt übers Ziel hinaus”, “zu dick aufgetragen”) ganz ohne Beleg.

Auch meine Fragen zum m.E. tatsächlichen Gefahrenpotenzial beantworten Sie leider nicht.

Meinen Lobbyismusvorwurf nehme ich sofort zurück, wenn ich einmal einen kritischen Beitrag von Ihnen über die geringe Effizienz und die schlechte Energie- und Ökobilanz von Windkraftanlagen lese. Recherchieren Sie doch einmal auf der Grundlage des Artikels “Ohne sie läuft nichts” von Christina Oxfort in der AZ vom 3.11.18 den Bedarf der Windkraftindustrie an seltenen Erden, hier Neodym. Und vergessen Sie dabei nicht aufzuzeigen, was bei der Förderung in China der Umwelt angetan wird, so wie es z.B. der BBC-Reporter Tim Maughan aus der Nähe der 2,5-Mio-Einwohner-Stadt Batou berichtet hat.

(…)

Geben Sie mir etwas zu Lesen, was meine Auffassung widerlegt!

Mit besten Grüßen
FriederZimmermann
www.friederzimmermann.com

Es geht einzig und allein um den schnellen Profit

Wie bei der AZ üblich brach die Korrespondenz an dieser Stelle ab. Dabei hatte ich nicht einmal auf die vielen belegten Unfälle bei Windkraftanlagen hingewiesen (Liste von belegten Unfällen hier). Auch nicht den peinlichen Bruch eines Rotorblattes am 23.12.2013 erwähnt, passiert im Windpark Schneebergerhof, dort wo alles begann (s.o.).

Ich war auch nicht auf das letztlich gescheiterte Unternehmensmodell von Juwi eingegangen. Der einstige Überflieger mit 1.800 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 1 Milliarde Euro (2011/12) ist längst mehrheitlich in den Besitz des Energiekonzerns MVV Energie übergegangen. Umsatz- und Beschäftigtenzahlen brachen dramatisch ein.

Der Profit mit der Windenergie ist schnelles Geld. Mit der EEG-Umlage kassiert der Betreiber einer Windkraftanlage 9 Cent/KWh, das Dreifache des Marktpreises. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz schafft überhaupt erst die Grundlage für den wirtschaftlichen Betrieb von Windkraftanlagen. Die EEG-Umlage, die der Verbraucher bezahlt, summiert sich im Jahr auf rd. 37 Milliarden Euro.

Das ist der Kuchen, von dem alle an der Wertschöpfungskette Windkraft Beteiligten gerne ein möglichst großes Stück  abhaben wollen.

Noch einmal zum Schluss: Es geht bei der Windenergie nicht um Versorgungssicherung, Ressourcenschonung oder Klimarettung. Es geht einzig und allein um Profit, um schnellen Profit. Nachhaltigkeit spielt dabei keine Rolle.

Wenn eines Tages die staatliche Subvention wegfällt, wenn auch die letzte potenzielle Fläche zugebaut ist und mit Neubauten kein Anlagekapital mehr zu generieren ist, dann ist es mit der Windkraft ganz schnell vorbei.

Und dann wird es sich rächen, dass wir viel zu lange ein totes Pferd geritten haben, dass wir auf eine Energieform gesetzt haben, die keine Alternative sein konnte und dass wir dabei Zeit, Erfindergeist, Entwicklungspotenziale und letztlich Kapital verschwendet haben, statt es in z.B. in die Optimierung von Speichertechnologien zu stecken.

Vielleicht kann aber doch noch der Bürgerprotest, der sich unübersehbar und unüberhörbar auch in Rheinhessen formiert (https://genugistgenug.org/), verhindern, dass wir energietechnisch so richtig gegen die Wand fahren.

4 Gedanken zu „Geld und Gier lassen Windkraftanlagen im Alzeyer Land wuchern (3)

  1. Frieder Zimmermann Antworten

    Am Montag, 10. Dezember 2018 gegen 8.00 Uhr morgens, brach ein Rotorblatt einer Windkraftanlage bei Gau Bickelheim ab. Das Teil, 55 Meter lang und 10 Tonnen schwer, stürzte auf einen Acker und bohrte sich tief ins Erdreich. Die havarierte Anlage ist z.B. vom Kreisel B 420 hinter GB gut zu sehen. Gleich nebenan ist ein Weinberg. Ausführlicher Bericht bei SWRaktuell
    https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/mainz/Gau-Bickelheim-Windrad-Rotorblatt-auf-Feld-gestuerzt,windrad-rotorblatt-abgefallen-100.html

    Der AZ war der Vorfall heute, 11.12.18, einen Einspalter mit 20 Zeilen auf der regionalen Rheinhessenseite wert. Kein Foto! Vielleicht kommt ja noch was.
    Die Anlage bei GB stammt aus 2012. Der TÜV hat ältere Anlagen kürzlich “tickende Zeitbomben” genannt. Was die Haltbarkeit der verbauten Materialien und der verwendeten Bauteile betrifft, gibt es keine Langzeitstudien. Die werden wohl im praktischen Betrieb gemacht…

  2. R. Bürger Antworten

    Es gibt Landwirte – und zwar nicht wenige – , die für die Verpachtung von etwa 6000 Quadratmeter Ackerlandes für ein Windrad bis zu 30 000 Euro JÄHRLICH erhalten. Manche solcher Landwirte haben drei Windräder auf ihrem Ackerland stehen und sacken jährlich an die 90 000 Euro an Pacht ein. Das alles bezahlen wir über die Stromkosten….Nicht jede Pacht beträgt 30 000 Euro, aber in Wörrstadt, dem Sitz von JUWI, gibt es solche Pachtbeträge.

  3. Werner Harth Antworten

    Die Verbandsgemeinde Wörrstadt und deren Bürgermeister stehen im Wettbewerb mit der benachbarten VG Alzey-Land, die Nase ganz vorne zu haben bei der weiteren Verspargelung der rheinhessischen Landschaft und betreibt mit einer eigens gegründeten Anstalt öffentlichen Rechts (mit Vorstand und Aufsichtsgremien mit Kommunalpolitikern) ein Windrad auf eigenes Risiko:

    “… Nicht nur zahlreiche mittelständische Betriebe aus den unterschiedlichsten Bereichen in unseren Ortsgemeinden und der Stadt Wörrstadt sorgen für Beschäftigungsverhältnisse vor Ort. Vor allem die Ansiedlung der juwi-Gruppe, weltweit bekannt auf dem Sektor der erneuerbaren Energien, brachte in 2008 einen großen Schub und bietet ein breites Spektrum an interessanten Arbeitsplätzen. …”

  4. FusselTier Antworten

    Mir tun die Bewohner in den Häusern kurz vor diesen Riesen-Windkraftmühlen in Dorn-Dürkheim und in den vielen anderen Ortschaften in Rheinhessen einfach nur leid. Wir haben Glück, dass es bei uns keinen adäquaten Platz für so ein Windrad gibt. Merkwürdig, dass kein Besitzer eines solchen Windkraftrades selbst in der Nähe davon lebt.
    Zu dem Wissen, dass sich Fauna und Flora durch Windräder komplett verändern und absterben, muss man zusätzlich auch noch mit dem Lärm der Flügel, den Schattenwerfungen und dem fürchterlichen Geblinke der Türme über Nacht leben. ich würde so nicht leben können und keinesfalls wollen.

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