Gewinnwarnung in der Weinwirtschaft

Der Weinjahrgang 2018 war noch nicht vollständig im Keller, da wurde er schon als Jahrhundertjahrgang gefeiert. Ein relativ milder Winter 2017/2018, eine störungsfreie Blüte, ein Sommer, der sechs Monate lang war, Sonnenstunden ohne Ende, keinerlei Schadensdruck durch Pilzkrankheiten oder Schadinsekten bedeuteten ungewöhnlich lange Reifezeiten bei besten Bedingungen.

Das Resultat ist mit Rekordmostgewichten eingebracht oder ist vereinzelt noch am Stock, um sich bei anhaltend günstiger Witterung in ein Stadium zu entwickeln, das Qualität mit Trockenbeerenauslesen oder Eisweinen auf die Spitze treibt. Durchweg wurden zumindest in Rheinhessen Spätlese- und Auslesequalitäten geerntet. Sogar die Brot-und-Butter-Rebsorte Dornfelder ging hie und da mit über 95°Oechsle als Auslese durch. Dazu stimmen die Säurewerte und sorgen für beste Aussichten hinsichtlich Balance und Lagerfähigkeit. Wurden damit bei allen Qualitätskriterien die Werte der letzten Jahre oder gar Jahrzehnte erreicht oder  übertroffen, stimmen anders als in den letztjährigen Ernten auch noch die Mengen. Keine Frostschäden, kaum Hagelschlag, mangels Feuchtigkeit trotz dichtem Bewuchs keine Fäulnis, dank der Trockenheit auch kein nennenswerter Befall mit echtem oder falschem Mehltau, keine Schädlingsinvasion und keine Ausfälle wegen des ausgebliebenen Regens, weil die trockenheitsresistenten, extrem tiefwurzelnden Rebstöcke damit sehr viel besser zurecht kommen als andere landwirtschaftliche Kulturen.

Also qualitativ und quantitativ ein perfekter Jahrgang. Und jetzt? Begeisterter Jubel in der Weinwirtschaft? Wochenlange Erntedankfeiern? Erwartungsfreudige Aussichten hinsichtlich satter Umsatzsteigerungen in den Weinbaubetrieben?

Nein. Vielmehr macht sich ein Phänomen breit, das man auf dem Börsenparkett Gewinnwarnung nennt. Ein Paradoxon, weil alle Rahmenbedingungen Wachstum, Ertragssteigerung und Profitimpulse versprechen, die Marktreaktion aber in eine ganz andere Richtung geht.

Schmerzliche Selbstbeschränkung, trotzdem niedrige Preise

Tonnenweise bleiben Trauben in den Weinbergen hängen, werden zu Agraralkohol destilliert oder gar weggeworfen. Experten rechnen mit sinkenden Most- und Weinpreisen. Rheinhessischer Riesling soll demnach aktuell mit 80 Cent pro Liter gehandelt werden. Das wären 30 Cent weniger als im Vorjahr. Andere Rebsorten, wie die rheinhessischen Klassiker Müller-Thurgau oder Silvaner, bringen gar nur 70 Cent/l, 20 weniger als 2017.

Dass hervorragendes Lesegut vielfach nicht geerntet oder nicht zu Wein verarbeitet wird, liegt an der gesetzlich festgelegten Hektarhöchstertragsregelung. „Um die Qualität der Weine zu erhalten und übermäßige Erträge zu vermeiden, die zu Marktstörungen führen können, verlangt das Gemeinschaftsrecht Hektarhöchsterträge festzusetzen.“ So heißt es in den entsprechenden Bestimmungen der mit der Anwendung in Rheinland-Pfalz beauftragten Landwirtschaftskammer. Für Qualitäts- und Prädikatsweine liegt dieser Höchstertrag im Anbaugebiet Rheinhessen bei 10.500 Liter pro Hektar. In ertragsschwachen Jahren wie 2017 wird diese Grenze meist deutlich unterschritten.

Der mutmaßliche Jahrhundertjahrgang 2018 hätte dagegen einen sehr viel höheren Ertrag bringen können. Also greift das Gesetz, und Trauben bleiben hängen oder werden verspritet. Was den Laien, der durch die rheinhessischen Weinberge spaziert und sich über Mengen von Trauben, die an den Rebstöcken vergammeln, wundert, freut die Experten. Der rheinhessische Weinbaupräsident Ingo Steitz nennt den 2018 gar „ein Musterbeispiel, warum wir diese Regelung brauchen“. Nach Wolfgang Trautwein, dem Vorsitzenden des Verbands der rheinhessischen Weinkellereien, bewahrt die Mengenregulierung den Weinmarkt in diesem Jahr vor einem deutlichen Verfall der Erzeugerpreise.

Werden also 2018 übermäßige Erträge vermieden, um Marktstörungen zu vermeiden, wie es bei der Landwirtschaftskammer heißt? Warum sind dann trotz schmerzlicher Selbstbeschränkung der Erzeuger die Preise auf einem derart niedrigen Niveau? Was heißt denn eigentlich Marktstörungen? Und was ist eigentlich mit der ersten Begründung für die Festsetzung von Hektarhöchsterträgen, dem Erhalten der Weinqualität?

Gesetz wollte mehr Qualität durch weniger Trauben am Rebstock

Fangen wir mit dem Erhalten der Weinqualität an. Erhält man Weinqualität durch die Begrenzung der Erntemenge? Selbstverständlich, sagen die Experten. Weniger Quantität bedeutet mehr Qualität. Weniger ist mehr. Aber wird die Qualität der Trauben und des daraus gekelterten Weins erhalten oder gar verbessert, wenn man die Erntemenge pro Hektar dadurch drosselt, dass Trauben, deren Ernte das Kontingent überziehen würden, hängen lässt oder destilliert? Vielmehr ist davon auszugehen, dass die Trauben, die hier nicht geerntet und zu Wein verarbeitet werden, dem Bemühen um Erhaltung von Qualität nicht geschadet hätten.

Eine qualitätserhaltende Maßnahme wäre dagegen gewesen, die überzähligen Trauben gar nicht erst heranreifen zu lassen. Nur so macht Qualitätserhaltung durch Mengenbegrenzung Sinn, und nur so ist der Gesetzestext auch zu verstehen. Mengenbegrenzung nicht als Erntebeschränkung, sondern als Ertragsreduzierung.

Das heißt: Nicht weniger von den vorhandenen Trauben ernten, sondern weniger Trauben am Rebstock. Das beginnt beim Rebschnitt. Die Frage, ob ein Rebstock über eine oder zwei Leitruten verfügt, wird hier ebenso entschieden wie die Bemessung der Augen, also der Knospen aus denen die Frucht tragenden Triebe sprießen. Wer hier konsequent zurück schneidet, setzt auf Qualität. Wenn die Rebstock die aus dem Boden gezogenen Nährstoffe auf weniger Früchte verteilt, profitieren diese von der Versorgung sehr viel mehr und danken es mit intensivem Aroma und ausgeprägter Mineralität.

Wer dann noch in der entscheidenden Reifephase nach der Fruchtbildung im Sommer eine sogenannte grüne Lese durchführt, reduziert Ertrag und verbessert Qualität. Dazu werden die noch grünen, also unreifen, Trauben am Stock halbiert oder bei starkem Behang ein Teil der Trauben heraus geschnitten. Die Folge: geringerer Ertrag, höhere Qualität. Das dürfte auch der Geist des Gesetzes sein. Nicht einen Teil der Ernte für die Weinbereitung zulassen und den übrigen wegschmeißen, sondern nur soviel Trauben zur Ernte führen, wie es die Mengenbegrenzung vorgibt.

Natürlich birgt diese Form der Selbstbeschränkung Risiken. Wenn es witterungsbedingt bei der Rebblüte zu einem Übermäßigen Abfallen von Blüten kommt (Verrieselung), ist der Verlust bei zuvor vorgenommenen qualitätsorientiertem Rebschnitt größer. Wenn im Sommer ein Hagel oder ein Starkregen über einem Weinberg niedergeht, kann der Ausfall nach zuvor durchgeführter grüner Lese größer sein. Das ist so. Qualitätsmehrung durch Ertragsreduzierung geht aber nur so.

 

Wir haben kein Mengen-, sondern ein Marketingproblem

Kommen wir zu den Marktstörungen und fragen: Wird der Markt gestört, wenn in Rheinhessen mehr als 10.500 Liter Weinmost in Qualitäts- oder Prädikatsweinqualität geerntet wird? Ja, sagen die Einen, und erinnern an frühere Aufregungen über Weinseen und Butterberge in der EU. Nein, sagen die Anderen, und verweisen auf die Aufnahmefähigkeit allein des deutschen Binnenmarktes, auf dem die Weinnachfrage aktuell zu 65 Prozent durch Importware gedeckt wird.

Ordnungspolitisch betrachtet hat der Begriff Marktstörung im konkreten Fall überhaupt keine Berechtigung. Eine Marktstörung liegt in einer marktwirtschaftlich verfassten Wirtschaftsordnung vor, wenn seitens der Politik oder seitens einer Marktmacht oder gar eines Monopols in das Marktgeschehen eingegriffen wird und die Selbstregulierungskräfte Bedarf, Nachfrage, Angebot, Vielfalt, Preis, Wahlfreiheit, Freizügigkeit, Transparenz etc. teilweise oder ganz außer Kraft setzen. Davon kann aber in Sachen Wein keine Rede sein.

Nach den USA, Frankreich und Italien ist Deutschland der viertgrößte Markt für den Umsatz von Wein weltweit. Pro Jahr werden hier 20 Millionen Hektoliter Wein angeboten, gekauft und überwiegend auch getrunken (ohne Schaumwein 17 Mio.). Zur Erinnerung: In den Weinbergen der 13 deutschen Anbaugebiete werden pro Jahr rd. 10 Mio. hl (plus/minus) geerntet. Von der genannten Verkaufsmenge in Deutschland sind nur 35 Prozent deutscher Wein. 43 Prozent werden aus Italien, Frankreich und Spanien importiert, rd. 15 Prozent aus den USA,Chile, Südafrika, Australien. Österreich, Portugal, Griechenland, und ein paar andere besorgen den Rest.

Die Zahlenverhältnisse sind nicht neu. Sich angesichts dieser Zahlen aber Sorgen um Marktstörungen durch größere Erträge in einheimischen Weinbergen zu machen, zeugt, vorsichtig ausgedrückt, von einer defensiven Grundhaltung im Weinmarketing. Die deutsche Automobilindustrie, die zudem Exportraten aufbieten kann, von denen die deutsche Weinwirtschaft nicht einmal zu träumen vermag, bedient die KFZ-Nachfrage in Deutschland zu 70 Prozent. Das heißt fast zwei von drei Flaschen Wein, die in Deutschland verkauft werden, kommen aus dem Ausland, aber weniger als eins von drei Autos. Vom Export gar nicht zu reden. Beim Wein heißt das: Wir haben kein Mengenproblem und schon gar kein Mengenproblem, das den Markt stören könnte, wir haben ein Absatz- bzw. ein Marketingproblem.

Feigheit vor der Auseinandersetzung mit der Konkurrenz

Am ehesten überzeugt bei der Begründung der Hektarhöchstertragsregelung aber trotzdem das Qualitätsargument. Es hat tatsächlich entscheidend dazu beigetragen, dass die Qualität deutscher Weine mit der gesetzlichen Mengenbegrenzung insgesamt besser geworden ist. Es wurde dadurch nicht mehr rentabel, auf Teufel komm raus Mengen zu produzieren und alles, aber auch alles, was im Wingert herum hing oder lag, auf die Kelter zu bringen. Deshalb ist die Hektarhöchstertragsregelung im Prinzip gut und richtig. Und deshalb ist auch die Begründung, „die Qualität der Weine zu erhalten“, nachvollziehbar.

Das Argument von der „Marktstörung“ durch übermäßige Erträge ist aber ein Scheinargument. Es geht davon aus, die starken Importländer seien übermächtige Konkurrenten. Als sei in Stein gemeißelt, dass auf dem deutschen Markt sich nicht mehr als 8 Mio. hl deutscher Wein absetzen ließen. Tatsache ist aber, dass in ertragsschwachen Jahren der Bedarf etwa im Lebensmitteleinzelhandel (LEH), insbesondere bei Supermärkten und Discountern, mit deutschem Wein nicht gedeckt werden kann, weil die Mengen fehlen. In der Folge listen die Aldis, Lidls, Pennys, Normas und Co deutsche Weine aus ihrem Sortiment und stellen noch mehr Italiener, Spanier und Franzosen ins Regal. Der Kampf um die so verlorenen Regalmeter ist in normalen Erntejahren dann nur schwer zu gewinnen.

Wenn aber die Mengenbegrenzung pro Hektar richtig ist, dann kann es trotzdem nicht richtig sein, sich in einem Land, in dem pro Jahr 20 Mio. hl Wein umgesetzt wird, damit abzufinden, davon nur 35 Prozent aus eigener Produktion zu decken. (11 Prozent einer deutschen Durchschnittsernte, rd. 1 Mio.hl, gehen in den Export). Tatsächlich gäbe es auf dem Binnenmarkt gerade im Bereich der Basisweine weiß im mittleren Preissegment um vier Euro pro Flasche (plus/minus), also zwischen den Bretterknallern ohne Identität und Herkunft im Tetrapack oder der Großbombe darunter und dem Premiumbereich der Terroirweine, der Ersten Lagen und der Großen Gewächse darüber, erschliessbare Marktanteile von beträchtlicher Größe. Im LEH gehen pro Jahr rd. 1,2 Milliarden Flaschen Wein über die Kassenscanner. Das sind Jahr für Jahr 9 Mio. hl. Angesichts dieser Zahlen die Mengenbegrenzung bei deutschem Wein zu loben, riecht nach Feigheit vor der Auseinandersetzung mit der Konkurrenz.

Jahrhundertjahrgang – und trotzdem Gürtel enger schnallen

Oder ist es die nach jahrzehntelanger Erfahrung tief sitzende Erkenntnis, dass die überaus heterogene Struktur der deutschen Weinwirtschaft, die verschiedenen und zum Teil gegenläufigen Interessen der Beteiligten in der Wertschöpfungskette, das fehlende Besinnen auf ein gemeinsames Ziel und die fehlende Bereitschaft, diesem gemeinsamen Ziele partikulare Eigeninteressen unterzuordnen, die Konkurrenzfähigkeit entscheidend schwächt? Der Preis für die fehlende Einigkeit der Winzer untereinander (Selbst- und Direktvermarkter unterschiedlicher Kategorien, Fassweinerzeuger), der Anbaugebiete, der Kellereien, des Fachhandels, des LEH und der Gastronomie, begleitet von Politik und Verbandsaktivitäten ist hoch. Und jede Gruppe hat gute Argumente für ihre Position, deren Divergenz gesamt betrachtet allerdings die Weinwirtschaft insgesamt seit Jahrzehnten schwächt.

So aber schöpft die Weinwirtschaft auch in Rheinhessen aus einem Jahrhundertjahrgang keine neue Kraft. Der Winzer, der sich das ganze Jahr über abmühte und jetzt 70 oder 80 Cent pro Liter erlöst, versieht den Jahrgang mit ganz anderen Titeln.

Wenn es an der Börse für die Anleger heißt: Achtung! Gewinnwarnung! Dividendenabschlag!, hört er: Achtung! Jahrhundertjahrgang! Gürtel enger schnallen!

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