IGS Oppenheim: Kahlschlag in den Winterferien

Eine Schule will expandieren – und die Natur muss weichen

Tote Baumstümpfe vor der IGS An den Rheinauen in Oppenheim. Noch vor wenigen Wochen hatte die Schulleitung vorgegeben, der neue Schulname stehe für Naturnähe und eine behutsame Bewahrung der Schöpfung.
Groß berichtete die Lokalzeitung, als Schüler vor wenigen Wochen ein Birnbäumlein pflanzten. Als jetzt 25 große Platanen abgeholzt wurden, war das der Zeitung keine Zeile wert.

„Eine Schule wie ein Baum – ein Birnbaum. Dutzende Schüler der Oppenheimer IGS geben Erde in einen großen Topf, aus dem ein Birnbaum erwächst. Die Erde stammt aus all den vielen Heimatorten der mittlerweile rund 900 IGS-Schüler. „Dann wird der Baum mal richtig groß – so wie ihr“, freut sich der Nikolaus, der an diesem Freitag „Special Guest“ in der Schulturnhalle ist. Schließlich gibt es etwas zu begießen. Etwas, das man – anders als Einschulung oder Abitur – „im Regelfall nur einmal feiert“, wie Direktor Siegfried Käufer anmerkt. Nämlich einen neuen Namen. Einen, „der einfach passt“. (…)

„An den Rheinauen“ steht vor allem für Naturnähe, behutsame Bewahrung der Schöpfung. „Der Wohlklang des Namens und der Blick aus den Fenstern unserer Unterrichtsräume spiegeln die Seele unserer Schule wieder“, ist Käufer überzeugt. Deshalb setzte sich „An den Rheinauen“ auch im schulinternen Auswahlverfahren unter allen Beteiligten gegen neun Konkurrenzvorschläge durch.  (… ) Für das Birnenbäumchen wird man sicher danach auch noch ein Plätzchen finden. Das hatte Patrick Pusch, früher Lehrer an der IGS, extra aus Heidelberg geholt. Auf dass es an den Rheinauen wachse und gedeihe.”

So stand’s in der Lokalzeitung, es ist noch gar nicht so lange her, am 9. Dezember letzten Jahres war’s, nachzulesen im Internet.

Ein Baum neben dem anderen – das war einmal. Jetzt wurde ein Baum nach dem anderen abgesägt.

Kettensägen machten kurzen Prozess mit einem Stück Schöpfung

Wenn die Schüler der Oppenheimer IGS, die sich seit Dezember 2019 wohlklingend „An den Rheinauen“ nennt, nächste Woche nach einer Woche Winterferien wieder in die Schule mit der besonderen Seele zurückkommen, wird ihnen zuerst das Fehlen der mächtigen Platanen vor dem Schulgebäude auffallen. Die für einen Winter überaus günstigen Witterungsbedingungen wurden genutzt, um in dem Grünstreifen zwischen der Straße Am Stadtbad und dem Gebäudekomplex die Bäume abzuholzen.

War vor rund zwei Monaten die Pflanzung eines Birnbäumchens noch Anlass für die Beschwörung von „Naturnähe“ und behutsamer „Bewahrung der Schöpfung“, machten jetzt naturfernes Gerät und alles andere als behutsame Kettensägen kurzen Prozess mit einem Stück Schöpfung. Stattliche Platanen vor allem waren es, die bis dahin ihren Schatten über dem Eingangsbereich der Schule mit der Fahrradgarage ausgebreitet hatten. Kerngesund und prächtig gewachsen waren sie.

Aber sie waren der Expansion einer Schule im Wege, die sich in den vergangenen Jahren zu einem riesigen Schulzentrum entwickelt hat. Weil eine weitere Sporthalle her muss, kann auf Naturnähe und Schöpfungsbewahrung keine Rücksicht mehr genommen werden. Immer eine Frage des Abwägens.

Und immer sind es Zwänge, die Entscheidungen herbei führen, die dann alternativlos sind. Bäume wehren sich bekanntlich nicht. Wenn sich niemand vor sie stellt, wie im Hambacher Forst oder im brandenburgischen Grünheide, haben sie keine Chance.

Nur noch totes Holz am Wegrand: Die 25 Platanen müssen der Schulerweiterung weichen.

Übers Klima reden wir dann am Friday nach den Ferien wieder

In Oppenheim hat sich niemand vor die Bäume gestellt. Lehrer und Schüler sind in Ferien. Skifahren auf von hinderlichen Bäumen befreiten Pisten. Übers Klima reden wir am Friday nach den Ferien wieder. Die Bürger im Umfeld waren nicht informiert und nicht sensibilisiert über die Dimension der Fällaktion.

Es gibt seit Jahresbeginn keine Redaktion der Heimatzeitung mehr in Oppenheim, die ein Thema wie dieses aufgreifen könnte. Wie vom Chefredakteur angekündigt, bekommen wir spannende Themen von sonstwo zu lesen. War das Birnbäumchen vor wenigen Wochen noch eine große Sache, sind 25 gefallene Baumriesen heute keine Zeile wert.

Die 25 Bäume wurden gefällt mit Genehmigung der VG-Verwaltung Rhein-Selz, die sich offenbar nicht in der Lage sah, diese zu verweigern. Die Stadt Oppenheim hatte keine Möglichkeit der Einflussnahme. Die Verwirklichung der nach baurechtlichen Vorschriften zulässige Nutzung hat in der geltenden Baumsatzung, die eigentlich den bestehenden Baumbestand im Stadtgebiet sichern soll, Vorrang vor dem Fällverbot. Das heißt, die Baumsatzung verhindert nur das Fällen eines Baumes „aus Jux und Dollerei“. Wenn begründet wird, dass ein Baum einem Vorhaben im Weg steht, kann er weg. Somit ist die Baumsatzung ein zahnloser Tiger.

Die Frage wird sein: Hat die IGS nach dem Bau der Sporthalle ihre größte Ausdehnung erreicht, oder wird sie noch weiter wachsen? Welche Flächen wären bedroht, wenn der Bedarf an nach baurechtlichen Vorschriften zulässiger Nutzung weiter steigt? Was, wenn andere Einrichtungen Nutzungsbedarf anmelden?

Den gefallenen Bäumen auf dem Gelände der IGS hilft eine Diskussion darüber nicht mehr. Hier haben Kettensägen Fakten geschaffen, und alles Gerede über die Bedeutung von Bäumen für das städtische Kleinklima ist an dieser Stelle ad absurdum geführt worden. Wichtiger als die Aufnahme von CO2 und die Produktion von Sauerstoff durch die Photosynthese war der Raumbedarf eines aufgeblähten Schulzentrums.

„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ So die bekannte Weissagung der Cree-Indianer, die man sich immer wieder mal in Erinnerung rufen muss.

4 Gedanken zu „IGS Oppenheim: Kahlschlag in den Winterferien

  1. Degünther, Henriette Antworten

    Der Verlust von 25 Bäumen ist auch für mich schmerzlich.
    Allerdings ist der Umstand bei unserem bestehenden Rechts- und Verwaltungssystem wahrscheinlich nur in Ausnahmefällen vermeidbar. Die Planung und der Bau an Schulen läuft m.W. über ein entsprechendes eigenes Amt, an dessen Vorgehensweise keine Ortspolitik und VG-Politik beteiligt ist.
    Es gibt Fälle, bei denen Baumfällungen tatsächlich nicht vermieden werden können. Beispielsweise, wenn es um die Sicherheit von Kindern geht. Als Betreuerin des benachbarten Modellprojektes „Paradies“ (seit 1991) und Sprecherin der Interessengemeinschaft „Mensch- Natur- Siedlungsraum“ musste ich immer wieder Baumfällungen im großen Maße nicht nur ansehen, sondern veranlasste sie sogar. Die Absicht war, einen Unfall von Paradiesnutzern (auch Kindern) und auch die Haftung der Ortsgemeinde zu vermeiden. Beides hätte zu einer Infragestellung von derartigen Wildnisflächen und deren Konzept geführt.
    Im Falle der Schule geht es aber um eine bauliche Erweiterung. Hierbei wäre m.E. zu prüfen, ob sie überhaupt notwendig war und ist. Ich habe die Schule als außerordentlich weiträumiges Bauwerk kennengelernt, weshalb eine Baumfällung vielleicht nicht hätte sein müssen.
    Eigentlich sollten die Außenanlagen bzw. die von der Schule nutzbaren Freiräume Priorität haben. Die Baumfällung lässt sich aber m.E. nicht rückgängig machen. Was aber besonders zu prüfen wäre, wäre diese starke Zentralisierung von Schulen in Oppenheim. Das Gymnasium wird zu Lasten seiner Außenanlage und der Randbereiche vergrößert und nun auch die IGS. Es scheint einen ungesunden Wettstreit zwischen den Schulen zu geben. Dafür muss eine zunehmende Zahl an Schülern weite Busfahrten auf sich nehmen. Das erscheint mir nicht nachhaltig.
    Lobend möchte ich an dieser Stelle Direktor Käufer, der sich an der Erstellung des „Botschaftsgartens“ im Paradies durch Beteiligung von Schulklassen beteiligt hat und sich auch mit geeigneten Lehrern bei schulübergreifenden Besprechungen zur Förderung eines Naturbewusstseins der Schüler über Freiräume beteiligte.
    Henriette Degünther, 21.2.20
    0176-83017868, h-deguenther@posteo.de

  2. Mpohl Antworten

    Geht’s auch eine Nummer kleiner? Das ist doch wohl der Sturm im Wasserglas. Gut recherchiert geht anders!

  3. Hartmut Rencker Antworten

    Mainz hat eine Baumschutzsatzung. Diese gilt offenbar nur für mit falschen Bäumen bepflanzte Reihenhausgärten. Anders geht es auf städtischem Grund zu. Der größte Knaller war die Entlaubung des Gutenbergplatzes. Wozu brauchen wir Natur? Hauptsache Menschen und Geld. Weiter so. Wachsen bis zum Platzen, damit der geschundene Planet wieder von vorne anfangen kann.

  4. Karin Schütte Antworten

    Kompliment Herr Zimmermann! Ehrlich und sehr gut die traurige Realität beschrieben. Es ist ne Schande…

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