Kaum Wind in Rheinhessen – aber immer mehr Windräder (1)

Der Kampf des Ritters Don Quijote gegen die Windmühlen, dargestellt auf alten Kacheln.

 

Eine Serie von Frieder Zimmermann – Folge 1

Mehr als 200 Windräder gibt es bereits in Rheinhessen, und es sollen noch mehr werden, noch viel mehr. Der Oppenheimer Schriftsteller Frieder Zimmermann beschreibt in drei Folgen, was wirklich hinter dem Boom steckt: Es geht in Wahrheit, alle Zahlen beweisen das, nicht um die Sicherung der Stromversorgung oder gar um die Rettung unseres Klimas. Hinter der Windenergie stehen Unternehmen, Politiker und Landbesitzer, die allein auf den schnellen Profit aus sind. Sie werden von Geld und Gier getrieben. Und sie nehmen dafür in Kauf, dass die gigantischen Anlagen aus Beton und Stahl die alte rheinhessische Kulturlandschaft immer mehr zerstören.

Vor über 400 Jahren ließ der spanische Dichter Miguel de Cervantes in einer Episode seines berühmten Romans, der die Geschichte des sinnreichen Ritters Don Quijote von der Mancha erzählt, den Protagonisten einen sinn- und aussichtslosen Kampf gegen Windmühlen führen. In der literaturkritischen Rezeption wird dieser Kampf als lächerlicher Widerstand eines Mitglieds des untergehenden Ritterstands gegen die moderne Technik interpretiert.

Der technische Fortschritt, der den Niedergang der Junker voran trieb, wird von dem Ritter mit archaischer Kampftechnik attackiert. Der einst stolze Lanzenreiter scheitert natürlich und bleibt als Ritter von der traurigen Gestalt zurück.

Die alten Windmühlen von La Mancha.

Windmühlen sind bis heute das Wahrzeichen von La Mancha, der Region unweit von Toledo. Auf Hügeln und der weiten Ebene drehen sich zwar nur noch wenige von einst vielen hundert von ihnen. Mit ihren kurzen, weißgekalkten, kegelförmigen Türmen, den dunklen mützenartigen Dächern und den segeltuchbespannten Flügeln sind sie Ikonen einer im ausgehenden Mittelalter hochinnovativen Technik.

Heute sollen die renovierten Exemplare als museale Relikte romantische Klischees bei Touristen bedienen. Weil in der Mancha aber auf stetigen und kräftigen Wind immer Verlass ist, stehen dort heute in großer Zahl die modernen Nachfolger der mittelalterlichen Mühlen. Sie mahlen kein Korn und sie betreiben auch keine Bewässerungspumpen, sondern erzeugen Strom.

Würde Don Quijote heute gegen sie anreiten?

230 Windmühlen recken sich heute in Rheinhessen zum Himmel

Die Region Rheinhessen war anders als La Mancha in der Vergangenheit nicht als besonders guter Standort für Windmühlen bekannt. Wassermühlen gab es zahlreich am Rhein, aber Windmühlen waren hier wegen der ungünstigen Windverhältnisse nicht kontinuierlich und damit nicht wirtschaftlich zu betreiben.

Tatsächlich ist aus der Zeit zwischen Mittelalter und Neuzeit keine produktive Windmühle belegt. Rheinhessen lag und liegt im Windschatten von Hunsrück und Pfälzer Bergland. In der guten Hälfte eines Jahres herrscht hier nahezu Windstille. Historische Mühlen, die man für Touristen schön herrichten könnte, wie man das mit den Trulli, den pitoresken Wingertshäuschen im Alzeyer Land und im Wonnegau, gemacht hat, gibt es also keine.

Die modernen Nachfolger der Windmühle stehen hier allerdings umso mehr. Im schiefen geografischen Viereck zwischen Mainz, Worms, Alzey und Bingen recken sich heute rund 230 davon in den Himmel, und es werden mehr, sehr viel mehr. Und das, man darf es wiederholen, obwohl die in den hiesigen Breiten vorherrschenden Winde aus West und Nordwest Rheinhessen selten erreichen, weil es eben auf der windabgewandten Seite, die Seeleute sagen: Leeseite, der Mittelgebirgsrücken gelegen ist.

Riesige Windräder allüberall. Dabei war eine Windmühle in Rheinhessen noch nie wirtschaftlich zu betreiben. Es fehlte halt einfach: der Wind.

Die Kreisverwaltung Bad Kreuznach gab 1998 eine von Gerd Sprengel verfasste umfassende Untersuchung in zwei Bänden heraus (Mühlen im Gebiet der mittleren und unteren Nahe. Heimatkundliche Schriftenreihe des Landkreises Bad Kreuznach, Band 29.1 und 29.2), der interessante Aussagen über die Standortbedingungen für Windmühlen auf der Leeseite des Hunsrück zu entnehmen sind, die ohne weiteres auf Rheinhessen übertragbar sind. Etwa über die Windverhältnisse mit einer gemessenen Stärke von 2 bis 3 m/s im Jahresmittel, genannt ‘Windhöffigkeit’. Die sollte für den wirtschaftlichen Betrieb einer Windanlage der aktuellen Baureihen aber oberhalb von 6 m/s liegen.

Über Hunderte von Jahren sorgten die ungünstigen Voraussetzungen dafür, dass Mühlen in Rheinhessen nur vereinzelt für militärische Notsituationen (Mainz, Speyer) oder ohne Genehmigung von einem Hochstapler (Badenheim) gebaut wurden. Der in den 1930er Jahren gemachte Versuch, eine Wasserpumpe nahe Mölsheim mit einem Windrad anzutreiben, wurde wegen Ineffektivität schnell wieder eingestellt.

So wurde Rheinhessen zur Windenergie-Region – trotz Windstille 

Dass Rheinhessen trotz aller widrigen Bedingungen zu einem Windenergieproduktionsstandort wurde, hat es den Windkraftpionieren Fred Jung, Agrarökonom, und Matthias Willenbacher, Diplom-Physiker, zu verdanken. Die beiden hatten mit geliehenem Geld und in der Garage zusammengetüftelten Plänen 1996 auf einem Feld, das zum Schneebergerhof gehörte, den Willenbachers Eltern im Donnersbergkreis betrieben, eine Windkraftanlage gebaut, die aufgrund des günstigen Standorts rund 260 Meter über dem Meeresspiegel nicht nur die 3.000 Gäste der Eröffnungsfeier beeindruckte.

Die juwi-Zentrale in Wörrstadt auf einem offiziellen Pressefoto des Unternehmens. Strahlend blauer Himmel und sattes Grün ringsum: So wird vermeintliche Naturnähe inszeniert.

Jung und Willenbacher gründeten im selben Jahr die Firma juwi, allerdings nicht in Gerbach/Donnersbergkreis, sondern im rheinhessischen Wörrstadt. Dort wehte zwar der Wind nicht so doll, aber es gab ein ideales Gelände wenige hundert Meter von der A 63 Anschlussstelle entfernt.

So wurde das Jahr 1996 zum Geburtsjahr der Windenergieregion Rheinhessen. Zur Erinnerung: Nicht wegen der guten Produktionsbedingungen, sondern wegen der perfekten Infrastruktur.

Bis in die 1980er Jahre waren alternative Energien in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ein Nischenthema gewesen. Der Super-Gau von Tschernobyl vom 26. April 1986 aber hatte aus dem Slogan „Atomkraft – Nein Danke!“ ein politisches Programm gemacht. Mit diesem Tag war das Ende der friedlichen Nutzung der Kernkraft in Deutschland besiegelt und nur noch eine Frage der Zeit, eine Frage, die mit der nuklearen Katastrophe von Fukoshima am 11. März 2011 abschließend beantwortet wurde.

Alle politischen Parteien hatten bis dahin die Energiewende schon in ihrem Programm. Alle waren sich darin einig, dass Kernkraft als Energiequelle in Deutschland mittel- bis langfristig wegfallen musste. Ersatz sollte Energie sein aus der Verbrennung fossiler Rohstoffe und aus neuen Techniken, die ihre Kraft aus nachwachsenden Rohstoffen und aus den natürlichen Elementen Sonne, Wasser und Wind schöpfen.

Solarstrom als Alternative? Die Energiebilanz ist desillusionierend

Die bekannte Endlichkeit der Vorräte an fossilen Rohstoffen und die wachsenden Bedenken vor allem gegen die CO2-emittierende Verbrennung von Stein- und Braunkohle konzentrierten die Hoffnungen in Sachen Versorgungssicherheit auf Biomasse, Sonne und Wind.

Wasserkraft konnte in Rheinhessen keine Rolle spielen, weil der Rhein und seine Nebenflüsse Verkehrswege sind und für Wasserkraftwerke nicht infrage kommen. Weil für den Anbau von Energiepflanzen, die in Biogasanlagen in Strom und Wärme umgewandelt werden, in Rheinhessen die Flächen fehlen, blieben schließlich nur Sonne und Wind, sprich Solar- und Windenergie, übrig. Nachdem dann so ziemlich jedes Hallendach mit einer Photovoltaikanlage bepflastert war und sogar gute landwirtschaftliche Flächen mit Voltaikpaneelen zugestellt wurden, stellten sich immer drängender Fragen nach deren Energiebilanz.

Die Antworten waren einfach nur desillusionierend. Für die Herstellung von Photovoltaik-Modulen ist der Energieaufwand höher als der Energieertrag, den die Solaranlage im Betrieb jemals erwirtschaften kann. Dass der Rohstoffabbau und die Produktion der Anlagen in China in einer Weise erfolgt, die ökologisch höchst bedenklich ist, wurde und wird dabei noch erfolgreich verdrängt, als ob CO2-Emissionen in China nur ein Problem für das Klima in China wären.

Wie auch immer, gegenwärtig ist von den alternativen Energien, die den Atomstrom und wohl bald auch den Kohlestrom ersetzen sollen, nur die Windenergie übrig geblieben.

Sind Windkraftanlagen also tatsächlich alternativlos?

Ein Foto, das die juwi-Firmenzentrale gerne herzeigt: Solar- und Windräder in Kombination – das soll die Zukunft sein. Zweifel sind erlaubt…

Wind, Wasser und Sonne liefern gerade mal vier Prozent der Energie

Um diese Frage zu beantworten, muss zunächst ein Vorstellung gewonnen werden über die Größe des Bedarfs an Energie. Dabei nur auf elektrischen Strom zu schauen, wäre eindeutig zu kurz gesprungen. Strom ist eine sogenannte Endenergie und hat am Gesamtverbrauch von 9.327 Petajoule (PJ) 2017 in Deutschland einen Anteil von nur 20 Prozent. (1 PJ = 278 Mio. Kwh). 80 Prozent entfallen auf Gas (26%), Mineralöl (29%), Heizöl (8%), Stein- und Braunkohle (5%), Fernwärme (4%) und sonstige (8%).

Die Frage, was Windenergie leisten kann, lenkt den Blick auf die Primärenergien, die bei der Erzeugung der Endenergien verbraucht werden, in der Summe 15.594 PJ in Deutschland 2017. Als Primärenergie wurde die Windkraft statistisch nur gemeinsam mit Wasserkraft und Solarenergie erfasst und kam mit diesen zusammen auf gerade einmal 4 Prozent. Mineralöl (34%), Erdgas und Erdöl (23%), Braun- und Steinkohle (22%), Kernenergie (6%), Holz, Biogas, Müll, Klärgas und sonstige (10%) lieferten das Gros.

Windkraftanlagen produzieren Strom, also einen Teil von 20 Prozent des Energiebedarfs. Aktuell decken 29.000 Windkraftanlagen in Deutschland 18,8 Prozent des Strombedarfs.

Die noch in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke steuern immer noch 13,1 Prozent bei. Deren Anteil durch Windenergie zu ersetzen macht weitere 20.000 Windkraftanlagen erforderlich.

Der von den Grünen angestrebte Kohleausstieg und der damit verbundene Ausfall von 22 Prozent der aktuell verbrauchten Primärenergie müsste mit weiteren ca. 35.000 Windkraftanlagen ausgeglichen werden.

So sehen die nüchternen Zahlen aus. Sie sind ernüchternd und lassen die Hoffnung auf eine künftige Sicherung der Energieversorgung aus „sauberen“ Quellen deutlich schrumpfen.

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Folge 2Die Lokalzeitung verbreitet Märchen über erneuerbare Energie – Der Chefredakteur im Wolkenkuckucksheim

3 Gedanken zu „Kaum Wind in Rheinhessen – aber immer mehr Windräder (1)

  1. R. Bürger Antworten

    Es wird ja viel über Populismus geredet uns geschrieben – die Energiewende, wie sie gemacht und vorangetrieben wird, ist der blanke Populismus. In Japan geht ein Kernkraftwerk hoch weil die Mauern zum Schutz vor hohen Meereswellen viel zu unterdimensioniert waren – und in Deutschland steigen sie daraufhin als einziges europäisches Land aus der Kernenergie aus! Die Populisten sonnen sich denn auch gerne im Licht der ach so modernen u d heilbringenden Technologie – auch in der Provinz. Der Wörrstädter VG- Bürgermeister Conrad z.B. saß in den Erfolgsjahren von JUWI ganz gerne mal mit am Tisch des JUWI-Vorstandes, wenn die Firma zur Bilanzpressekonferenz geladen hatte. Zu suchen hatte er da freilich nichts. Heute sonnt er sich damit, dass die Verbandsgemeinde drei Elektroautos im Fuhrpark hat – koste es, was wolle. So teuer, wie die Dinger sind, werden sie sich bei den geringen Fahrleistungen nicht amortisieren. Der Steuerzahler zahlt – und Conrad sonnt sich im “Erfolg”. Solang die Bürger sich das bieten lassen, wird es so weiter gehen.

  2. Hartmut Rencker Antworten

    Nachtrag zu meinem Kommentar:
    Was gibt es an Alternativen? Atomkraftwerke werden verteufelt. Ob zu recht, lasse ich offen. Für uns gegenwärtige Nutzer ist das Restrisioko des Betriebs und das Entsorgungsproblem vielleicht noch tolerierbar. Strahlender Müll ist schon in jeder Menge vorhanden und der zusätzliche Abfall von ein paar weiteren Jahren macht wenig Unterschied. Viel problematischer ist der strahlende Müll für die uns nachfolgenden Generationen (Stichwort Halbwertzeit). Oder doch nicht? Denn so wie wir unseren Planeten ruinieren, berauben wir uns aller Lebensgrundlagen. Wer bedenkt, wie fatal ein ordentlicher Partikelauswurf der Sonne uns treffen und unsere gesamte Elektronik lahmlegen wird. Hatten wir in der modernen Zeit schon mehrmals (Carrington-Ereignis 1859, weiterhin lokale Störungen 1921, 1967, 1989, 2003). Ansonsten gibt es noch astrophysikalische Risiken von apokalyptischem Ausmaß, wie schon oft in der Erdgeschichte. Die Episode des gegenwärtigen Homo sapiens wird enden, so wie alle Hochkulturen und Überpopulationen weggekippt sind. Die beschädigte Natur wird sich über astronomisch lange Zeiten anpassen und erholen.

  3. Hartmut Rencker Antworten

    Es gibt nur eine gute Energie, nämlich die eingesparte Energie. Wenn man nur die hirnlose Verschwendung zurückdrängen würde, könnte man die Hälfte einsparen und das ohne Komfortverlust. Musterbeispiele sind die energiefressenden Wäschetrockner. Wem ist bewusst, dass die Nässe “verkocht” werden muss. Verdampfen bei mäßiger Temperatur verbraucht die gleiche Energie wie Verkochen, oder physikalisch so viel, als würde man Wasser um 539°C erhitzen. Und es ist Mode geworden, alles zu überbacken mit 4000 Watt Aufheizleistung des Backofens. Der Internetwahn der Smartphonezapper ist ein riesiger Energiefresser. Der Internetknoten Frankfurt verbraucht mehr Strom als der Großverbraucher Fraport. Dazu kommt der Gütertourismus wie italienisches Wasser nach Dänemark und holsteiner Milch nach Österreich. Und unsere Lebensmittel werden überwiegend importiert, zunehmend eingeflogen, denn auf unseren Äckern wachsen Energiepflanzen und Viehfutter für den Fleischexport. Quo vadis Homo sapiens? Mehr unter http://www.lerchenberg-info.de/tipps.html

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