Oppenheims HGO – der nächste Fall für den Staatsanwalt?

Die Oppenheimer Baugesellschaft HGO ist pleite – und nun? Wir haben Briefe und Protokolle aus dem Unternehmen entdeckt, die beweisen: Über Monate hinweg wurde die HGO äußerst schlampig, wenn nicht gar in Verschleierungsabsicht gesteuert. Schlimmer noch: Die Gesellschaft befand sich spätestens seit Herbst letzten Jahres in der Krise, und es gibt gute Gründe anzunehmen, dass die Gesellschaft seit langem und geradewegs auf die Zahlungsunfähigkeit zusteuerte! Einigen Herrschaften dürfte deshalb ziemlich mulmig zumute sein: Der Verdacht von Insolvenzstraftaten, namentlich der Insolvenzverschleppung, vielleicht auch des Bankrotts steht im Raum. Das wären Straftaten, und die HGO (genauer: die sie steuernden Personen) wären damit ein – weiterer – Fall für die Staatsanwaltschaft.

Auf der obersten Stufe seiner bisherigen Karriereleiter muss es dem jungen Marco Meidinger zuletzt arg schwindelig geworden sein. Nahezu kometenhaft war er vom kleinen Tiefkühlkost-Vertreter mit Bankkaufmann-Ausbildung zum potenten Geschäftsführer eines Wohnungsbauunternehmens mit Millionen-Umsatz aufgestiegen. Vorstand der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Oppenheim (GWG) durfte er sich nennen! Und dazu noch Geschäftsführer der GWG-Tochtergesellschaft HGO!

Der Kündigungsbrief von Marco Meidinger.

So schnell so hoch – da kann einem aber auch wirklich schon mal übel werden.

Meidinger meldete sich erst krank. Und dann komplett vom Dienst ab:

Vor gut drei Wochen – es war am 28. August, zwei Tage nach seinem 30. Geburtstag – setzte er sich in seiner Wohnung an der Straße Am Wäldchen an seinen Computer und schrieb einen kurzen Brief:

„Hiermit kündige ich aus gesundheitlichen Gründen mit Wirkung zum 31. August 2018, hilfsweise zum frühestmöglichen Zeitpunkt, meine Tätigkeit als Geschäftsführer“, formulierte er etwas ungelenk. Und als könne er den Job nicht schnell genug loswerden, bat er darum, „mich aus dem Handelsregister sofort austragen zu lassen“.

Betonung auf „sofort“: So schreibt nur einer, der vor etwas davonlaufen will, und zwar ganz schnell. Doch wieso diese Eile? Glaubte Marco Meidinger wirklich, dass er mit der schnellen Löschung seines Namens im Handelsregister seine Verantwortung als Geschäftsführer abstreifen könne wie eine lästige Bürde? Dass er für ein etwaiges Fehlverhalten als HGO-Chef nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden könne?

Wenn er sich da nur nicht irrt!

Notar übersah Fehler im Beschluss des Aufsichtsrates

Neue Unterlagen, die jetzt aufgetaucht sind, zeigen: Spätestens nach dem überhasteten Rücktritt von Marcus Held – vielleicht aber auch schon vorher – herrschte offenbar das blanke Chaos in der GWG/HGO-Zentrale an der Rheinstraße.

Führende Köpfe wurden nahezu im Monats-Takt ausgetauscht.

Marcus Held blieb bis vor wenigen Tagen als Geschäftsführer beim Handelsregister eingetragen. Konkret: Erst in der vergangenen Woche, am 19. September (!), wurde die Beendigung der Geschäftsführung durch Held im Handelsregister eingetragen. Ironie des Schicksals: Sollte Meidinger nur sein Strohmann gewesen sein und Held als faktischer Geschäftsführer die Strippen aus dem Hintergrund gezogen haben, wie immer wieder vermutet wurde, dann hätte das Handelsregister bis zuletzt ein realitätsnahes Bild gezeichnet.

Der Beschluss, mit dem Meidinger zum Geschäftsführer bestellt wurde. Er war fehlerhaft, deshalb unwirksam.

Dem entspricht, dass Meidinger ebenfalls bis zum 19. September (!) noch gar nicht als Geschäftsführer der HGO in das Handelsregister eingetragen war. Zudem war seine Berufung zum Geschäftsführer derart fehlerbehaftet, dass der Notar sie eigentlich gar nicht hätte beglaubigen dürfen (was er aber dennoch tat); erst beim Handelsregister wurde man wohl stutzig.

Zwar existiert ein auf den 12. April 2018 datierter Gesellschafterbeschluss für die HGO (gezeichnet von Vorstand und Aufsichtsrat der GWG) zur Geschäftsführerbestellung von Meidinger. Der Beschluss spricht aber, und das ist grob rechtsfehlerhaft, von einer rückwirkenden Geschäftsführerbestellung zum 16. März 2018. Der Beschluss war damit schlicht nichtig, sein Nichtvollzug im Handelsregister also kein Wunder.

Geht man einmal davon aus, dass Held sein Geschäftsführeramt wirksam (wenn auch, mangels Sicherstellung einer fortlaufenden Geschäftsführung, zur Unzeit) niedergelegt hat, und die im Frühjahr versuchte Neubesetzung der Geschäftsführung durch Meidinger rechtlich gescheitert ist, hat Held die HGO führungslos zurückgelassen, mit Sicherheit über Wochen, wenn nicht sogar über Monate.

Nach Meidingers Rücktrittsbrief (Rücktritt wovon eigentlich?) wurde – vor zwei Wochen war’s – Reiner Wenz zum neuen Geschäftsführer berufen. Der Mann ist unzweifelhaft ein Sanierungsexperte, wenn auch einer mit äußerst schillerndem Ruf. Er sollte, so war wohl der Plan, die schwer schlingernde HGO zurück in ein geordnetes Fahrwasser bringen.

Neuer Geschäftsführer zog schon nach einer Woche die Reißleine

Wenz brauchte nur knapp eine Woche, um die Lage zu sondieren und zu erkennen: Die HGO ist völlig abgewirtschaftet. Pleite, sagt der Volksmund.

Der 58-Jährige aus Bad Nauheim, der am 11. September seinen Job in Oppenheim angetreten hatte, veranlasste zunächst einmal die Bereinigung des Handelsregisters. Am selben Tag, dem 19. September 2018, wurden (1.) Held als Geschäftsführer ausgetragen, (2.) Meidinger als Geschäftsführer ein- und ausgetragen und schließlich (3) Wenz als Geschäftsführer eingetragen.

Der Handesregister-Auszug der HGO: Jede Menge Eintragungen wurden unter dem Datum des 19. September eingetragen (zum Vergrößern Bild anklicken).

Bemerkenswert noch: Am 18. September schränkte der beglaubigende Notar die Anmeldung der Vertretungsbefugnis von Meidinger noch einmal explizit ein. Wie sein Vorgänger Held und sein Nachfolger Wenz sollte Meidinger zwar zur alleinigen Vertretung der HGO befugt sein.Ihm sollte jedoch, anders als seinen beiden Mitstreitern, nicht gestattet sein, Geschäfte mit sich selbst zu tätigen. Es wird interessant sein aufzuklären, welche Intention hinter dieser Beschränkung der Kurzzeit-Handelsregistereintragung Meidingers am „Drei-Geschäftsführer-Tag“, dem 19. September 2018, stand.

Praktisch zeitgleich marschierte Wenz – mit Geschäftsführerweihen ausgestattet – zum Amtsgericht Mainz und beantragte die bekannte Eröffnung eines Insolvenzverfahrens.

Seither fragen sich viele Oppenheimer: Hätte die Zahlungsunfähigkeit nicht viel früher erkannt werden müssen? Hätte die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens nicht schon vor Wochen, vielleicht auch schon vor Monaten beantragt werden müssen? Und was ist in der Zwischenzeit geschehen – zu Lasten von Gläubigern wie etwa der Stadt Oppenheim?

Bei Insolvenzverschleppung droht Haftstrafe

Diese Fragen führen zu einem Verdacht, der den bisherigen Verantwortlichen – incl. Marcus Held – anhaftet wie schmieriges Kaugummi dem Trottoir:

Liegt hier vielleicht ein Fall von Insolvenzverschleppung vor? Also eine klare Straftat? Paragraf 15a der Insolvenzordnung sagt unmissverständlich: Wird ein Unternehmen zahlungsunfähig oder überschuldet, müssen die Verantwortlichen umgehend, spätestens jedoch innerhalb von drei Wochen einen Insolvenzantrag stellen. Tun sie es nicht, droht ihnen Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe.

Und wichtig: Die gescheiterte Geschäftsführerbestellung Meidingers schützt weder ihn noch insbesondere Held vor Strafe. Strafbar macht sich auch der sog. faktische Geschäftsführer – ebenso wie Strohleute, die für ihn nach außen handeln. Das gilt auch für den Bankrotttatbestand aus Paragraf 283 Strafgesetzbuch, der gläubigerbenachteiligende Dispositionen bei drohender Zahlungsunfähigkeit unter Strafe stellt.

Es spricht vieles dafür, dass die HGO schon seit längerer Zeit zahlungsunfähig war – vermutlich schon zu der Zeit, als Held noch im Amt war. Ein Rückblick auf die Geschehnisse der vergangenen Monate zeigt, dass der Verdacht der Insolvenzverschleppung nicht abwegig ist:

Schon vor einem Jahr waren finanzielle Probleme bekannt

Im April 2016 hatte Held dem alten Möbelunternehmer Gradinger ein Grundstück mit einem alten Möbelhaus im Kautzbrunnenweg abgekauft und dafür sogar eine Maklercourtage für seinen Spezi Erich Menger übernommen (alle Details dazu finden Sie hier).

Im März 2017 unterschrieb Held in seiner Doppelrolle als Stadtbürgermeister und HGO-Chef einen zweiten Kaufvertrag: Damit erwarb die HGO das geräumte Grundstück; als Kaufpreis musste das Unternehmen der Stadt sämtliche Aufwendungen für Ankauf (inkl. Maklercourtage) und Abriss des alten Möbelhauses erstatten.

Bei der Vertragsunterzeichnung war Held allerdings ein Lapsus unterlaufen, der ihn in seiner Rolle als Stadtbürgermeister erheblich unter Druck brachte: Am Ende wäre, trotz aller gegenteiliger Beteuerungen, eine sechsstellige Summe an der Stadt hängen geblieben.

Als der teure Fehler auf der Webseite zum Oppenheim-Skandal aufgedeckt wurde, reagierte Held sofort: Heimlich änderte er den Vertrag und bürdete der HGO durch Vertragsänderung am 23. Oktober 2017 die gesamten Kosten auf (weshalb die Staatsanwaltschaft ein weiteres Ermittlungsverfahren gegen ihn einleitete: als Geschäftsführer darf er nicht zum Nachteil seines Unternehmens handeln).

Held wollte mit „seiner“ HGO auf dem Gradinger-Grundstück ein Mehrfamilienhaus bauen. Sozialer Wohnungsbau, ganz tolle Sache für einen Politiker. Schon bei der Vertragsunterzeichnung deutete er an, dass die geplante Millionen-Investition zu einer großen Herausforderung für das Unternehmen werden könne: „Dieses Projekt ist finanziell ganz eng auf Kante genäht “, sagte er. (mehr hier)

Vermutlich wusste er zu diesem Zeitpunkt schon, was im August 2017 auf der Internetseite zum Oppenheim-Skandal erstmals öffentlich gemacht wurde: Beim Abriss alten Möbelhauses wurden kontaminierte Gebäudeteile gefunden, und die Abrisskosten schossen nach oben.

Dann wurde auch noch bekannt, dass anstelle der ursprünglich geplanten 44 Wohnungen nur noch 32 gebaut werden könnten. Auf der Webseite zum Oppenheim-Skandal wurde schon damals die bange Frage gestellt: „Wie können die Millionenkosten für den Neubau finanzierbar sein, wenn mehr als ein Viertel der Wohnungen gestrichen wurde – und gleichzeitig die Kosten explodieren?“

Spätestens seit dieser Zeit müssten die Verantwortlichen bei GWG wie HGO gewusst haben, dass das Unternehmen in eine bedrohliche Schieflage geraten war. Die HGO hatte sich mit dem Gradinger-Objekt völlig verhoben: War eine Zahlungsunfähigkeit damals wirklich nicht erkennbar gewesen? Die HGO befand sich unweigerlich in der Krise – zumal nach der Vertragsänderung vom 23. Oktober 2017.

Im Juni dieses Jahres verschärfte sich die Lage für die HGO noch einmal dramatisch: Das Land legte einen versprochenen Zuschuss zu den Gradinger-Kosten auf Eis. Aus Mainz hieß es, dass man auf den Ausgang der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen Held warte, „da von ihr mögliche Unregelmäßigkeiten bei der Auftragsvergabe geprüft werden“. Die Lokalzeitung schrieb: „Bis auf Weiteres fließt kein Geld mehr – und vielleicht sogar niemals, wenn das Vergabeverfahren vor Gericht komplett gekippt wird.“

Fazit: Der HGO drohten weitere Hunderttausende in ihrer Kostenrechnung zu fehlen. Immer noch kein Grund aufzuwachen?

Meidinger war überhaupt nicht Geschäftsführer

Es ist nun zu klären, wer bei der HGO für die Geschäftsführung – und damit eine mutmaßliche Insolvenzverschleppung – verantwortlich war. Diese eigentlich simple Frage wird, im Tohuwabohu eines desorganisiert erscheinenden Geschäftsbetriebs, nicht ganz einfach zu beantworten sein. Versuchen wir, uns der Wahrheit über die Chronologie zu nähern. Dabei sollen uns jetzt aufgetauchte Dokumente aus dem Handelsregister helfen, die Geschehnisse der vergangenen Monate zu rekonstruieren:

Am 9. Februar 2018 setzte Marcus Held – damals war er noch als HGO-Geschäftsführer und GWG-Vorstand im Amt – seinen jungen Parteifreund Marco Meidinger als HGO-Prokuristen ein. Diese Entscheidung wurde zunächst als geheime Kommandosache behandelt, nur wenige Vertraute aus Helds engster Clique waren eingeweiht.

Mit diesem kurzem Schreiben schied Marcus Held aus GWG und HGO aus.

Am 5. März legte Marcus Held nach massiver öffentlicher Kritik seine Ämter  nieder, auch bei der GWG und HGO °(nur SPD-Bundestagsabgeordneter blieb er, bis heute). In einem kurzen Brief an den GWG-Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Waldschmidt schrieb er auch diesen Satz: „Natürlich stehe ich Ihnen und Mitarbeitern im Rahmen meiner gesundheitlichen Möglichkeiten für Fragen zu laufenden Projekten zur Verfügung.“

Meidinger, der neue HGO-Prokurist, nahm auch Helds Platz im Vorstand der GWG ein. In dieser Funktion traf er sich am Morgen des 16. März um 8.15 Uhr mit dem zweiten GWG-Vorstand Franz Kram. Die beiden orderten Simone Mouris dazu und ließen sie Protokoll führen. Darin lesen wir heute:

„Herr Kram teilte mit, dass er aus gesundheitlichen Gründen nicht als Geschäftsführer zur Verfügung steht und schlägt deshalb vor, dass Marco Meidinger zukünftig als Geschäftsführer eingesetzt werden sollte. (…) Die beiden Gesellschaftsvertreter stimmen einstimmig Herrn Krams Vorschlag zu.“

Wenig später, zum 31. März, legte Kram sein Amt nieder und stieg aus dem GWG-Vorstand aus.

Wohl in der Einsicht, dass der junge Meidinger mit seinem neuen Job etwas überfordert sein könnte, holte der GWG-Aufsichtsrat einen Fachmann zu Hilfe: Gerald Kümmerle aus Sinsheim wurde Ende März in den GWG-Vorstand und als Prokurist bei der HGO eingestellt.

Erst Bestellung, dann Beschluss? Da stimmt was nicht!

Mit diesem Schreiben wurde Meidinger beim Handelsregister als Geschäftsführer angemeldet – am 27. März 2018.

Aus dieser Zeit finden wir im Handelsregister zwei Dokumente, die das firmeninterne Chaos illustrieren: Am 27. März 2018 reichte der Notar die Bestellung Meidingers zum HGO-Geschäftsführer beim Handelsregister ein.

Ein anderes Dokument (siehe oben, das dritte Bild) aber sagt aus: Erst am 12. April 2018 – die HGO hatte nunmehr seit vier Wochen keinen Geschäftsführer! – fassten Vorstand und Aufsichtsrat der GWG den entsprechenden Beschluss. Im Protokoll der Sitzung vom 12. April heißt es: „Zum neuen Geschäftsführer wird mit Wirkung zum 16.03.2018 bestellt Herr Marco Meidinger.“

Irgendetwas kann da nicht stimmen! Die Anmeldung beim Handelsregister kann kaum vor der Beschlussfassung von Vorstand und Aufsichtsrat erfolgt sein.

Davon abgesehen – wie bereits ausgeführt: Der Beschluss von Vorstand und Aufsichtsrat war unheilbar rechtsfehlerhaft! Ein Geschäftsführer kann allenfalls mit sofortiger Wirkung bestellt werden – aber niemals rückwirkend. Der Beschluss war damit unwirksam. Und das bedeutet: Meidinger mochte sich als neuer Chef der HGO fühlen und als solcher nach außen auftreten. Rechtlich ist er durch den Beschluss vom 12. April 2018 nicht zum Geschäftsführer geworden; Geschäftsführungs- und Vertretungsbefugnis konnte Meidinger von diesem Beschluss nicht ableiten.

Übrigens kein seltenes Phänomen, solche gescheiterten Geschäftsführerbestellungen bei insolvenzreifen Gesellschaften. Das Insolvenzrecht hat auf entsprechende Fallkonstellationen längst reagiert: Insolvenzrechtlich (auch insolvenzstrafrechtlich) Verantwortung trägt auch, wer – ohne Geschäftsführer zu sein – in die Steuerung einer Gesellschaft eingreift, sei es als faktischer Geschäftsführer, sei es als Strohmann. Beide, den faktischen Geschäftsführer und den Strohmann, treffen zivilrechtliche Schadensersatzansprüche (ein Fall für den Insolvenzverwalter) und strafrechtliche Verantwortung (besagter neuer Fall für den Staatsanwalt).

Kurzzeit-Prokurist flüchtete aus Oppenheim

Noch kurz zur weiteren Chronologie:

Es ist bis heute unklar, ob der Fehler bei der rückwirkenden Geschäftsführer-Bestellung Meidingers in den Monaten danach bemerkt und korrigiert wurde. Der Oppenheimer Notar – er verdankt der HGO viele Aufträge, er war auch schon zuvor Marcus Held bei dessen vielen Verträgen zu treuen Diensten – hat den Fauxpas jedenfalls nicht bemerkt: Er hat die Handelsregisteranmeldung zur rückwirkenden Bestellung Meidingers beglaubigt.

Beim Handelsregister wurde sie jedoch – wie ausgeführt – nicht vollzogen. Auch eine spätere Korrektur findet sich in den im Internet zugänglichen Unterlagen nicht.

Ende Juni rückte schließlich Helmut Krethe, der letzte Held-Getreue im Oppenheimer Rathaus, als Prokurist in die HGO-Geschäftsführung.

Kümmerle wiederum, der einzige Fachmann in den Unternehmen, warf ganz schnell wieder das Handtuch: Ende Juli verließ er Oppenheim. Es wirkte wie eine Flucht; ein Beobachter konstatierte sarkastisch: „Vermutlich hat der Mann die wahre Lage der HGO richtig erkannt, konnte sich aber gegen die geballte Fachkompetenz von Sittig, Krethe und Meidinger nicht durchsetzen. Als Vorstand der GWG blieb ihm keine andere Wahl als der Rücktritt.“

Im August schrieb Meidinger dann seinen „Rücktrittsbrief“. Es folgte Reiner Wenz, und mit ihm die Bereinigung des Handelsregisters und – endlich – auch die Insolvenz.

Held & Meidinger: Was kommt jetzt auf sie zu?

Und nun? Vielleicht lässt sich der Schaden begrenzen, wenn die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden können:

Dass Held die HGO erst in Schieflage brachte – insbesondere durch den Nachtragsvertrag vom 23. Oktober 2017 – das dürfte nach dem Bericht des Rechnungshofs als gesichert gelten und wird (außerhalb des anhängigen Ermittlungsverfahrens) Schadensersatzansprüche auslösen, die es zum Wohl der HGO zu verfolgen gilt.

Es folgt die Frage: Hätte weiterer Schaden zum Nachteil der Gesellschaft und ihrer Gläubiger abgewendet werden können? Ist eine Schadensvertiefung durch verspätete Insolvenzantragsstellung eingetreten? Das ist die Frage, die zunächst einmal auf die Geschäftsführung der HGO zielt. Wer nach Marcus Held verantwortlich war in dem Unternehmen, ist – wie wir gezeigt haben – heute nicht ganz einfach zu beantworten. Drei Namen stehen im Raum – Held. Meidinger, Wenz. Reiner Wenz können wir von vornherein ausklammern: Der Mann kam von außen und hat sofort gehandelt – Insolvenzantrag.

Viel interessanter die Frage nach Held und Meidinger:

Hätte nicht Marcus Held die Krise und drohende Zahlungsunfähgikeit des Unternehmens erkennen müssen, als er noch omnipotenter Herrscher über Jeden und Alles in Oppenheim war und ihm das Gradinger-Projekt über den Kopf wuchs? Spätestens am 23. Oktober 2017, als er alle Lasten aus dem Projekt auf die HGO lud, um seinen Kopf als Stadtbürgermeister zu retten.

Oder hätte der junge Meidinger die Reißleine ziehen müssen, als er von Held in verantwortlicher Position geholt wurde und sich faktisch auf dem Chefsessel niederließ – wenn auch, wie wir annehmen – in fortbestehend enger Verbindung zu Held?

Und schließlich stellt sich die Frage nach der Verantwortung von GWG-Vorstand und -Aufsichtsrat. Beide Organe der alleinigen HGO-Gesellschafterin schauten deren Führungslosigkeit Geschäftsführungsvakanz – trotz der Krise – tatenlos zu. Vorsitzender des Aufsichtsrates war der zu Held-Zeiten eingesetzte Klaus Waldschmidt, ihm folgte später der Held-Getreue Marc Sittig. Im Vorstand saßen damals Held und Franz Kram, heute finden wir dort die Namen von Marco Meidinger, Gerald Kümmerle und schließlich auch Helmut Krethe.

Ein Gruselkabinett – ganz ohne Halloween.

11 Gedanken zu „Oppenheims HGO – der nächste Fall für den Staatsanwalt?

  1. Frieder Zimmermann Antworten

    Was wirklich wichtig ist in Oppenheim, erfahren wir heute einmal mehr aus der AZ. Auf einer halben Seite fesselt uns die dramatische Geschichte von einem entlaufenen und wiedergefundenen Hündchen. Dagegen kommen weder GWG noch HGO als Themen an.

    Vor drei Wochen titelte der AZ-Komentator noch reißerisch “Neue Heimat reloaded?”. Heute fiebern wir mit Herrchen und Frauchen von Leika. “Lassie reloaded?”

    Dabei hat die Insolvenz der HGO doch mindestens tausend Fragen aufgeworfen. Fragen nach Entscheidung und Unterlassung, nach Verantwortung und Verschulden, nach Haftung und Regress und vor allem nach Sicherheit und Berechenbarkeit für Mieter und Investoren. Wer aber soll diese Fragen stellen, und wem soll man sie stellen?

    Laut ihrer eigenen Website (Impressum) wird die GWG von “Franz Kram, Mitglied des Vorstands” vertreten. Wer tatsächlich im Vorstand ist, erfährt man auf dieser Seite nicht (“wird aktualisiert”).

    Das war früher anders. Da verhandelte der Vorstand der GWG Marcus Held mit dem Geschäftsführer der HGO Marcus Held und dem Bürgermeister der Stadt Oppenheim Marcus Held hart aber fair über die Vermögensbildung des Privatmanns Marcus Held, und die Kumpels und Genossen des Parteivorsitzenden Marcus Held wachten “ganz basisdemokratisch” (AZ, 12.02.2016) darüber, dass das alles mit rechten Dingen zuging. Da war die Welt noch in Ordnung. Der “sensible Wohnungsmarkt” war eben nicht “dem freien Spiel der Markkräfte (…) überlassen (ebda). Nie ging es da um Parteipolitik. Die Strukturen waren doch “historisch gewachsen” (ebda).

    Dass hier Personen tätig waren und zum Teil noch sind und Millionenbeträge bewegten, ohne von dem Geschäft, das sie betrieben, eine Ahnung zu haben, ließ keine Zweifel aufkommen. Ein Jurist, der bis dahin nur politisch tätig war, ein pensionierter Krankenkassenangestellter, ein Wirt, ein Planer für Umwelttechnik, ein MdB-Assistent, eine gelernte Konditorin, ein Verwaltungsangestellter usw. usf. Mit Herrn Kümmerle war kurzzeitig der einzige Fachmann mit im Boot, verließ es aber sehr schnell wieder. Sonst hatte und hat keiner der hier Tätigen eine Ausbildung, eine Qualifikation, eine Erfahrung, eine Lizenz im Bau-, Immobiliien- oder Hausverwaltungswesen.

    Was soll’s? Die Arche Noah wurde ja auch von einem Laien gebaut und hielt der Flut stand. Die Titanic wurde von Fachleuten gebaut und… Wer mal Mitglied in Held Kompetenzteam war, hat offenbar genug Kompetenz nachgewiesen. Kritik ist hier nicht gefragt. Kritik stört nur.

    Und wenn nach der HGO auch die GWG gegen die Wand fährt, wird man auch dafür eine Erklärung finden. Wahrscheinlich werden es die finsteren Marktkräfte gewesen sein. Wir sind gespannt.

  2. Bernd Brinkmann Antworten

    Er wird sich zum Schluss auf eine Kokainsucht herausreden! Der BER von Oppenheim. Dansch geht er in …Schonzeit für Füchse!

  3. Gert Frisch Antworten

    Ich habe das Nachfolgende zeitgleich auch bei FB gepostet, wollte es aber auch mal auf dieser Seite platzieren:

    Mir wurde zugetragen, dass die GWG in persona Herrn K. den Mitgliedern/Mietern von Wohnungen mit den immens hohen Kosten für Gebäude- und Straßenreinigung in der letzten Betriebskostenabrechnung nunmehr Mitteilung hat zukommen lassen, dass man diese Kosten um 50 % reduziert. Wenn das mal kein großzügiges Wahlkampgeschenk im Vorfeld der a.o. Mitgliederversammlung ist. So wirbt man also um Vertrauen. Erst eine nicht nachvollziehbare Abrechnung raushauen und kurz danach dann, als der Unmut greifbar wird und die Sache auch noch öffentlich gemacht wird, generös die Hälfte der Beträge gutschreiben. Also plumper kann man es eigentlich garnicht mehr machen. Mich würde mal interessieren, wie die Belege aussehen, die zu der 1. Abrechnug geführt haben. Die sollte man sich mal genau anschauen und zwar die Originale.

    Wenn die GWG über die gegebene Bürgschaft durch den Insolvenzverwalter zur Kasse gebeten wird, zweitens die in den Büchern vorhandene Forderung, die vermutlich in die Insolvenzmasse fällt und dann lediglich mit der Quote bedient wird, sodass da auch schonmal 50-90 % der Forderung als uneinbrindlich auszubuchen wären, müsste die GWG zur Befriedigung aus der Bürgschaft finanzielle Mittel freimachen. Dafür gibts 3 Möglichkeiten: 1. Sie hat das Geld auf der Bank und zahlt, 2. Sie hat es nicht auf der Bank aber einen freien Beleihungsrahmen in den Immobilien, dann gibts vielleicht ein Bankdarlehen, für das Zins und Tilgung zu zahlen sind, was an anderer Stelle dann nicht mehr für Renovierungen und Sanierungen zur Verfügung steht und 3. findet sich keine Bank und die Bürgschaft muss bedient werden, na dann muss man wohl an das Tafelsilber. Also wenn die Mitglieder jetzt immer noch nicht begriffen haben, was diese Führungsriege da so veranstaltet, dann ist ihnen nicht mehr zu helfen.

  4. Maren Varel Antworten

    Da kann man nur hoffen das die Mieter der GWG nicht ihre Wohnungen verlieren das wäre dann die nächste Katastrophe für Oppenheim. Ist der Inhaber vom Planungbüro Plangut Herr Baumgarten und Freund von Herrn Held nicht auch immer noch im Aufsichtsrat der GWG? Wie soll da echte Kontrolle im Sinne der Mieter stattfinden

  5. Gunnar Koll Antworten

    Es ist kaum zu glauben und nimmt kein Ende. Gut, dass es (wieder) eine freie Presse und journalistische Aufarbeitung der Themen gibt.

  6. Frieder Zimmermann Antworten

    Und was macht die regionale Presse? Nachfragen? Nachforschen? Aufdecken? Das öffentliche Interesse bedienen? Nein. Die AZ-Landskrone druckt die Phrasen von Herrn Krethe ab und berichtet, dass ein Gespräch zwischen Bürgermeister Jertz und HGO stattfindet. Wie aufregend. Statt im Sinne der Bürger, Steuerzahler und Leser sich kritisch einzumischen gibt die Redaktion dem System Held die Plattform, um Kritiker mit Namensnennung an den Pranger zu stellen. In einer Stadt, in der Oppositionellen schon Reifen zerstochen wurden, ein bemerkenswerter Vorgang. Der überforderte Redaktionsleiter verweigert die Diskussion mit dem Betroffenen, weil er dafür keine Zeit habe. Die Chefredaktion in Mainz deckt die Verletzung von Persönlichkeitsrechten und lässt die Landskron-Redaktion weiter schlafwandeln.

    • Renate Mayer Antworten

      Es ist schon besser geworden! Schließlich konnte die regionale Presse die für den Leser eindrucksvoll ausgeübte Stelle als Sekretär von Herrn Held nach Aufdecken seiner diversen Verfehlungen nicht gut weiter ausfüllen – obwohl man sich zunächst durchaus bemüht hat. Enthüllungsjournalismus àla Watergate wird geübt! Man bemüht sich!

  7. G. Herzog Antworten

    Wann reagiert endlich die Bundes-SPD und eröffnet ein Parteiausschlussverfahren gegen Held? Hier muss der Druck auf Frau Nahles deutlich erhöht werden, damit sie endlich handelt!

    • Peter Bemmann Antworten

      Die SPD bringt es ja noch nicht mal fertig Ordnung in den örtlichen Gremien zu schaffen. Wo gibt es das sonst noch, dass in einem Kommunalparlament sich eine Partei in zwei Gruppen teilt?
      Ich glaube kaum, dass sich Frau Nahles um so etwas kümmern kann, wenn es noch nicht mal die führenden SPD Politiker auf Landes- und Kreisebene nicht tun.
      Wir werden wohl die nächsten Wahlen abwarten müssen, bis diese Personen dann hoffentlich weg sind vom Fenster.

  8. Peter Bemmann Antworten

    Es ist schon verblüffend, wenn Rechtsgelehrten ein solcher faux pas unterläuft. Da stellt sich doch auch die Frage, ob der Notar eventuell auch dafür haften muss?

  9. Roland Bürger Antworten

    Spannend zu lesen – aber mein Kopf tut weh vom Schütteln. Derart viel Unfähigkeit, so viel Dummheit, ich fasse es nicht!

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