Von Kram bis Krethe: Bunt geht’s jetzt zu in Oppenheim

Seit fast zwei Jahren begleiten wir die Oppenheimer Lokalpolitik: erst intensiv mit der Dokumentation des Oppenheim-Skandals, seit dem Rücktritt von Marcus Held sporadisch auf dieser Webseite. Noch ist die Marcus-Held-Affäre nicht ansatzweise aufgearbeitet, vor allem die Justiz lässt in schwer nachvollziehbarer Weise  auf sich warten. Dafür hatten die Bürger von Oppenheim am gestrigen Wahlsonntag schon mal die Gelegenheit, eindeutig Stellung zu beziehen – als Wähler des kommunalen Parlaments, dem Marcus Held so viele Jahre vorgesessen hat. Die meisten haben ihre Chance genutzt und den Wandel gewählt. Nur 578 wollten das wohl nicht. 

Die Oppenheimer haben über die Zusammensetzung ihres Stadtrates und damit die örtliche Politik-Arbeit in den nächsten Jahren entschieden. Das Ergebnis der Kommunalwahlen liegt jetzt vor: In dem Stadtrat ist nichts mehr so wie bisher. Das Gremium wurde nahezu komplett ausgetauscht und auch inhaltlich runderneuert. Ja, richtig bunt ist das Gremium jetzt geworden. Wo unter Marcus Held Rot und Schwarz eine völlig sinnfreie Koalition bildeten und die AL wie einen lästigen Störenfried an den Rand gedrängt hatten, herrscht jetzt lebendige Vielfalt:

Das vorläufige Wahlergebnis der Kommunalwahl in Oppenheim.
Zur Erinnerung: So sah das Ergebnis bei der letzten Oppenheimer Kommunalwahl aus (zum Vergrößern anklicken).

Stärkste Kraft ist die neu angetretene WfO (“Wir für Oppenheim“) geworden: Sieben Mandate holte die Wählergruppe aus dem Stand, was in ersten Linie sicher Frontmann Torsten Kram zu verdanken ist. Der einstmals überzeugte SPD-Mann, der unter dem Held-Regime aus Protest und wohl auch Verzweiflung über seine Machtlosigkeit völlig abgetaucht war, ist wieder da! Kram, der bei den örtlichen Sozialdemokraten auch nach Vertreibung des SPD-Skandalpolitikers keine neue politische Heimat fand, baute die WfO auf, um mit Gleichgesinnten wieder aktiv in der Politik mitzumischen. Und die Wähler möchten das anscheinend auch: Kram sammelte mit Abstand die meisten Stimmen in der Stadt ein, mehr als 3000. Auf Platz zwei landete Wolfgang Raber, hinter dessen Namen 2.048 Oppenheimer ihr Kreuzchen machten.

Die Alternative Liste (AL) war in den letzten Jahren unter Marcus Held als kleine renitente Minderheit abgestempelt und beiseite gedrängt worden. Jetzt bekam sie, das ist wohl das Dankeschön des Wählers fürs tapfere Durchhalten, sechs Sitze im Stadtrat, immerhin einer mehr als zuvor.

Die CDU hat es, und davon war sie wohl selbst am meisten überrascht, wieder gepackt: Der Wähler hat die Partei für die jahrelange Klüngelei mit Held nicht böse abgestraft, sondern erneut mit vier Stimmen in den Stadtrat geschickt. Allerdings hat der Parteivorsitzende Peter Pfau die notwendige Stimmenzahl knapp verfehlt, und das dürfte vermutlich etwas auf die Stimmung der Christdemokraten drücken.

Die FDP ist auch drin, wenngleich sie sich sicher etwas mehr erhofft hatte: Zwei Mandate sind ein etwas dürftiges Ergebnis für einen hochengagierten Wahlkampf.

Und schließlich: Die BLO ist auch dabei. Die “Bürgerliste Oppenheim” wurde von Helmut Krethe ins Leben gerufen, der bei der letzten Wahl noch gegen Marcus Held kandidiert hatte. Damals durfte er sich als CDU-Chef eines gewissen Ansehens in der Stadt sicher wähnen. Doch dann wechselte er die Fronten, ließ sich von Held politisch einkaufen und war fortan dessen unterwürfiger Paladin. Es hat sich nicht ausgezahlt, zumal Krethe in den letzten Monaten mit allerhand unangenehmen Eskapaden auffällig geworden war. Er bekam das mit Abstand schlechteste Wahlergebnis aller neuen Ratsmitgliedern. Nur 578 Oppenheimer stimmten für ihn. Die gute Nachricht: Das dürfte die Reste-Rampe des Marcus Held sein – das ist ja überschaubar.

Ach ja, die SPD ist auch noch im Stadtrat, mit immerhin vier Mandaten. SPD-Chef Willi Keitel wurde von fast 2000 Oppenheimern gewählt, was angesichts der allgemeinen Stimmungslage ein bärenstarker Achtungserfolg ist – und ganz bestimmt auch ein großer Vertrauensvorschuss.

Von der Liste der bisherigen SPD-Ratsmitglieder taucht keiner mehr im neuen Parlament auf. Erinnert sich noch jemand an Hansjürgen Bodderas, Helds rechte Hand im Rathaus, jahrelang erster Beigeordneter und mit einem überbezahlten Job in der örtlichen Tourismus GmbH beschenkt? Oder Marc Sittig, berüchtigt geworden als Helds Kettenhund, der trotz unbekannter Qualifikation ein Amt in der örtlichen Wohnungsbaugenossenschaft bekam? Oder Stephanie Kloos, die SPD-Fraktionsvorsitzende, die sich von Held klammheimlich ein dickes Geldgeschenk aus der Stadtkasse in Form erlassener Stellplatzablöse  zustecken ließ?

Die einstigen Macher und Lautsprecher in der Stadt: alle weg. Zwar ist das Kapitel Held damit noch nicht geschlossen, die juristische Aufarbeitung lässt, wie gesagt, auf sich warten. Aber der erste Schritt ist getan, seine Günstlinge sind nach dieser Wahl aus dem politischen Geschäft verschwunden. Sie sind weitgehend kaltgestellt, allesamt.

Und wer hat künftig das sagen im Gemeinderat?

Zum Bürgermeister wurde Walter Jertz gewählt – mit überwältigenden 88,4 Prozent holte er sogar ein besseres Ergebnis als vor einem Jahr, als er sich erstmals bereit erklärt hatte, das vom geschassten Marcus Held hinterlassene Vakuum im Rathaus zu füllen. Das Wahlergebnis dürfte die hohe Anerkennung widerspiegeln, die der Mann in der Stadt genießt – für die Art und Weise, wie er das Rathaus leitet, und wie er die Menschen in der von Marcus Held gespaltenen Stadt wieder zusammenbrachte.

Gegenkandidat war jener frühere Held-Vasall Helmut Krethe. Gerade mal zehn Prozent der Wähler stimmten für ihn. Das war’s. Ende einer Polit-Karriere, die nie eine war. Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen.

Es gibt künftig keine Mehrheitsfraktion im Oppenheimer Stadtrat wie in den letzten Jahren. In Oppenheim werden sich die Ratsmitglieder zu einer Koalition zusammenfinden müssen. Die nächsten Wochen werden’s zeigen.

Unten angehängt finden Sie die Liste der neuen Oppenheimer Stadtratsmitglieder, wie sie derzeit (Stand 27.05., 12 Uhr) bekannt ist. Mit einem Klick können Sie die Liste auch nach Anzahl der Stimmen sortieren – sozusagen von Kram bis Krethe. Das eröffnet ganz neue Blickwinkel, wem die Wähler ihr Vertrauen schenkten. Testen Sie es einfach mal: Klicken Sie einfach auf den Pfeil hinter dem Wort “Stimmen” in der obersten Zeile…

NameStimmenPartei
Darmstadt, Raimund 1.330AL
Schiffel, Jürgen 1.301AL
Ebling, Rainer 1.182AL
Rautenberg, Silke 963AL
Schenk, Christian 917AL
Darmstadt, Daniele 897AL
Krethe, Helmut 578BLO
Pohl, Susanne 1.578CDU
Schäfer, Matthias 1.404CDU
Dr. Kolb, Franz-Josef 1.366CDU
Mathäs, Patricia 1.346CDU
Steichele-Guntrum, Stephanie 1.732FDP
Dr. Rudert, Volkhart 1.134FDP
Keitel, Willi 1.935SPD
Meeß-Bodderas, Christian 1.741SPD
Loos, Robert 1.688SPD
Mathäs-Seeger, Anita 1.655SPD
Kram, Torsten 3.028WfO
Raber, Wolfgang 2.043WfO
Franz, Ulrike 1.886WfO
Richter, Gabriela 1.746WfO
Schellhammer, Pia 1.285WfO
Frisch, Gert 1.164WfO
Brem-Pfeffer, Cornelia 1.109WfO

2 Gedanken zu „Von Kram bis Krethe: Bunt geht’s jetzt zu in Oppenheim

  1. Kurt Podesta Antworten

    Die Stimmenzahl spiegelt nicht das Wahlverhalten der Oppenheimer wieder, sonst wäre das ja auch sehr seltsam. Gut, man vergisst schnell, aber was hatte er denn, außer dass er ein “Säaher” ist, er saäht Unfrieden, zu bieten? Gute Politik, nein, soziales Verhalten, nein, transparentes Vorgehen, nein; also, woher nahm er überhaupt den Mut zur Kandidatur? Wäre ich an seiner Stelle gewesen, ich hätte mich vergraben und wäre von der politischen Bühne verschwunden. Dazu gehört aber Charakter, und den haben die Protagonisten allesamt vermissen lassen. Das Wahlergebnis spricht für sich und ist für so manchen sehr gut ausgefallen!

  2. Frieder Zimmermann Antworten

    “Nur 578 Oppenheimer stimmten für ihn” (ihn = Krethe). Nicht wegen Besserwisserei, sondern zur Ehrenrettung meiner Oppenheimer Mitbürger: Nicht 578 Oppenheimer stimmten für Krethe. Er hat 578 Stimmen bekommen. Wer bei all dem, was man über Krethe weiß, ihn trotzdem gewählt hat, der ist so überzeugt, dass er ihm auch drei Stimmen gegeben hat. Für 578 Stimmen reichten deshalb 192 Oppenheimer. Die Heldsche Resterampe ist noch kleiner als zunächst gedacht.

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