Worms: Die Wahrheit über dunkle Mächte hinter guten Informationen

Das ist wohl Wahlkampf auf wormserisch: Nach unserem Bericht „Der CDU-Chef und die 1-Mio-Euro-Immobilie“ schaufelte die Lokalzeitung umgehend fast eine halbe Seite frei. Darauf durfte, zwei Tage vor der Oberbürgermeisterwahl, die Stadtführung ihre Sicht der Vorkommnisse rund um den alten Schlachthof ausführlich ausbreiten. Der Redakteur erging sich derweil in düsteren Verdächtigungen: Er vermutet hinter unserem Bericht dunkle Mächte am Werk. Wir können Aufklärung bieten.

Der Lokalredakteur der Wormser Zeitung war richtig empört. Zu Beginn dieser Woche musste Johannes Götzen auf dieser Webseite die Geschichte über eine dubiose Immobilien-Verschieberei in seiner Stadt lesen. Schlimmer noch: In unserer Rheinhessen-Story waren sämtliche Verkaufszahlen nachzulesen, die man ihm nie verraten hatte: Worms CDU-Fraktionsvorsitzender Klaus Karlin hatte für nur 400.000 Euro den alten Schlachthof kaufen können, ihn dann für 999.999 Euro (zzgl. aller Nebenkosten) an die halbstädtische Rhenania AG weiterverkauft – obwohl die Immobilie, wie ein Gutachten ergab, nur 450.000 Euro wert ist.

Der Lokalredakteur verarbeitete am Allerheiligen-Feiertag unsere exklusiven Informationen zu einer eigenen Geschichte, die er an diesem Freitag in seinem Blatt veröffentlichte (allerdings ohne die Quelle zu nennen, was sich eigentlich nicht gehört). Götzen zeigte sich ziemlich angesäuert: „Die jetzt bekannt bekanntgewordenen Zahlen, ganz offensichtlich im OB-Wahlkampf durchgesteckt…“ kommentierte er pikiert. Und wiederholte an anderer Stelle: „Das Thema ist hochgekocht, nachdem im OB-Wahlkampf nun aus nicht öffentlichen Sitzungen des Werksausschuss Entsorgung Zahlen aufgetaucht sind, die offenbar bewusst gestreut werden.“

OB-Wahlkampf? Durchgesteckt? Bewusst gestreut? Da hat der Lokalredakteur offenbar bewusst ziemlich viel Unsinn gestreut! Wir stellen hier zunächst mal klar: Unsere Rheinhessen-Story hat mit dem Wormser OB-Wahlkampf rein gar nichts zu tun. Wir publizieren auf dieser Webseite Geschichten dann, wenn wir sie fertig recherchiert und geschrieben haben. Rücksicht auf politische Befindlichkeiten und Interessenlagen nehmen wir grundsätzlich nicht (auch in diesem Punkt dürften wir uns von der Wormser Zeitung deutlich unterscheiden).

Links die Bundesstraße, rechts der Rhein: Auf dem Satellitenfoto ist das große Schlachthofgelände gut zu erkennen. In der Mitte: das graue Dach der ehemaligen Markthalle.

Die Mär von dunklen Mächten und böse Machenschaften 

Götzens Bericht (“Rhenania will Schlachthof selbst nutzen“) enthielt nicht nur keine Neuigkeiten. Er kann auch als Musterbeispiel für die häufig beklagte Degeneration des Lokaljournalismus’ dienen: Verzichtet wurde auf eigene Recherche, der Redakteur begnügt sich mit schlichtem Verlautbarungsjournalismus. Zitiert werden ausschließlich die Stadtoberen, die ihr Tun langatmig darlegen und rechtfertigen dürfen.

Kritisches Hinterfragen der Polit-Statements scheint der Redakteur nicht zu seinen Aufgaben zu zählen: Er beschränkt sich darauf, die Mitteilungen der Obrigkeit zu apportieren. Das ist natürlich bequem für ihn (und die Stadtvorderen), reduziert die Lokalzeitung allerdings auf das Niveau eines Anzeigenblättchens. Und hat deshalb mit Journalismus so viel zu tun wie Schokokekse.

Die Folgen sind bekannt: Solche Zeitung braucht kein Mensch, die Leser flüchten denn auch in Scharen. Die Wormser Zeitung, sie erscheint im Verlag VRM und unter redaktioneller Leitung der Allgemeinen Zeitung (Mainz), hat in ihrem Verbreitungsgebiet, das weit über Worms hinausragt, gerade noch 12.800 Abonnenten. Vor fünf Jahren waren es fast 16.000. Das sind offizielle Zahlen, die der Verlag herausgibt. Der Schwund an Auflage (und damit in der Verlagskasse) ist wirklich dramatisch, und gleichzeitig rauscht die Relevanz des Blattes nach unten.

Wie schlicht der Journalismus á la WZ ist, lässt sich im aktuellen Bericht erkennen: Die von uns genannten Verkaufspreise des alten Schlachthofs wie auch sein wahrer Wert seien, schreibt Redakteur Götzen, „offenbar bewusst gestreut“ worden. Er will dem Leser offensichtlich vermitteln, es handele sich um eine Art Geheimnisverrat. Und dahinter stünden, so seine unterschwellige Botschaft, dunkle politische Mächte, die auf den Chefsessel im Rathaus drängten. Ganz böse Machenschaften!

Doch wer ist der angebliche Zahlen-Verräter? Und was treibt ihn an? Diese Fragen lägen natürlich nahe. Doch Redakteur Götzen stellt sie erst gar nicht.

Wir geben ihm trotzdem Antworten. Wir verraten ihm hier gerne, von wem wir unsere Informationen haben, das ist in diesem Fall nämlich wirklich kein Geheimnis.

Drei Mails in nur 30 Minuten – das ist vielleicht ein Zufall!

Unter Denkmalschutz, doch dem Verfall seit Jahren preisgegeben: der alte Schlachthof in Worms.

Wir hatten Anfang/Mitte September mehrere Hinweise auf eine Grundstücks-Verschieberei zwischen Vangionenstraße und Rheinufer erhalten. Die Quellen waren seriös, wir werden sie, selbstverständlich, niemals preisgeben: Hier gilt der natürlich der Informantenschutz.

Wir haben dann in der Stadt zu recherchieren begonnen und die Informationen weitgehend bestätigt gefunden.

Am Freitag, 12. Oktober, schickten wir gegen Mittag ganz offiziell einen längeren Fragenkatalog an den Oberbürgermeister wie auch an CDU-Fraktionschef Klaus Karlin und Rhenania-Chef Oliver Schüttler. Wir nannten darin die angeblichen Verkaufspreise, die uns in der Stadt zugetragen worden waren, und baten um Beantwortung unserer Fragen bis Dienstag, 16. Oktober.

Kissel schrieb am Montag, 15. Oktober, als erster zurück: Er habe unsere Mail mit den Fragen soeben erst vorgelegt bekommen und brauche ein paar Tage. „Soweit ich unter Wahrung meiner dienstlichen Pflichten dazu befugt bin, werde ich gerne zur Aufklärung der angesprochenen Sachverhalte beitragen. Sie werden verstehen, dass dies Sorgfalt und Zeit erfordert“, versprach er.

Diese Kissel-Mail erreichte uns um 16.40 Uhr. Nur Minuten später, es war exakt 16.46 Uhr, bekamen wir eine Mail von Rhenania-Chef Schüttler, und um 17.05 Uhr landete eine Mail von Klaus Karlin in unserem Postfach: Beide versprachen Antworten, allerdings  dauere das noch etwas.

Drei inhaltsgleiche Mails innerhalb nicht einmal einer halben Stunde von Kissel, Karlin und Schüttler: Das ist ja vielleicht ein Zufall! Sollten sich die Herren etwa abgesprochen haben?

Egal…

Das Rathaus-Chefbüro als Zahlen-Quelle 

Am Sonntag, 21. Oktober, kam dann zuerst die Antwort-Mail von Klaus Karlin. Es war 11.23 Uhr, der CDU-Fraktionschef schrieb unter anderem, dass sein Geschäftspartner Murat Basaran gebeten habe, keine Zahlen zu nennen. “Daran werde ich mich halten.”

Oberbürgermeister Michael Kissel schickte seine Antworten am gleichen Tag, aber erst spätabends, es war 22.01 Uhr. Als Überschrift hatte er formuliert: „Die Fakten zum ehemaligen Schlachthof-Gelände“. Es handelte sich um ein umfangreiches Werk, es umfasst acht Din-A4-Seiten, geschrieben „nach akribischer Aufarbeitung der Akten an meinem freien Sonntag Abend“, wie Kissel anmerkte.

Der Oberbürgermeister korrigierte darin einige unserer Zahlen („Die Ihnen zugetragenen Daten und Zahlen sind nicht korrekt“) und nannte sodann die angeblich richtigen: 400.000, 999.999 Euro, 1.130 Million Euro, 450.000 Euro usw. usf.

Da war also nix mit OB-Wahlkampf, wie der Redakteur der Wormser Zeitung einfach mal ins Blaue hinein behauptet. Da wurde auch nichts durchgesteckt und nichts bewusst gestreut. Alles lief ganz ordnungsgemäß. Wir haben unsere Informationen als Antworten auf eine offizielle Presseanfragen erhalten – aus dem Rathaus-Chefbüro.

Das Kissel-Schreiben kursiert mittlerweile, so ist zu hören, in der ganzen Stadt. Verschickt nicht von uns, großes Ehrenwort! Absender soll auch in diesem Fall das Büro des Oberbürgermeisters gewesen sein. Aber das ist hier nur eine Vermutung, durch nichts bewiesen, aber wer soll’s denn sonst gewesen sein?

Genau das wäre jetzt vielleicht ein Thema für den WZ-Lokalredakteur, sozusagen der Beginn einer richtig guten Recherche des Johannes Götzen:

Warum wurden, so müsste er jetzt fragen, die angeblich vertraulichen Zahlen zu den Schlachthof-Geschäften offenbar bewusst gestreut in diesem OB-Wahkampf – vom amtierenden Oberbürgermeister höchstpersönlich?

Die Antwort wüssten wir gerne! Auf diese Geschichte sind wir richtig gespannt! Sie könnte echt interessant werden 😉

6 Gedanken zu „Worms: Die Wahrheit über dunkle Mächte hinter guten Informationen

  1. Markus Mahlerwein Antworten

    Schön, daß die beteiligte Journaille sich nicht getraut hat, die schnöden, aber harten Zahlen und Fakten zum Abschneiden ihres amtierenden OB Kissel (gut 24 % weniger auf nur noch etwa 21 % !!!) als “Fake-News” zu bezeichnen oder einfach unter den Teppich zu kehren.
    Meine Erwartungshaltung war da – zugegebenermaßen – wirklich eine andere.

    Irgendwie scheint der Herr Kissel aber den Schuß auch noch nicht gehört zu haben. Hart an der Grenze zum “Ferner liefen”, aber wir kleben ja an unserem Pöstchen. Vielleicht, weil Worms ja irgendwie “Kissels Stadt” ist, man so eine Art “Gewohnheitsrecht” auf den OB-Posten und der blöde Wähler ja ohnehin keine Ahnung hat, was das Beste für ihn (ja wen denn nun?) ist.
    Der Herr Kissel hat es ja aus dem Stand geschafft, die Verluste seiner SPD bei den zurückliegenden Wahlen (Bayern, Hessen etc.) mehr als zu verdoppeln. Vielleicht hat er ja noch Chancen auf einen Job auf Bundesebene seiner Partei. Und sei es nur, um deren offenbar unaufhaltsamen Niedergang zu forcieren.

    Die einzige Lösung für diese und alle vergleichbaren “Pattex-Nummern” ist eine Gesetzesänderung, die die Wiederwahlmöglichkeiten drastisch begrenzt.
    Dann würden Leute, wie z.B. der Herr Kissel, der Ex-GröBaZ Held etc., ihre Posten und Pöstchen nicht als ihr “Eigentum” und ihre “privaten Pfründe” betrachten und behandeln können, wobei der Nutzen für die Bürger nur unter dem Aspekt des “Abfallprodukts” zu rangieren pflegt.

    Meinen aufrichtigen Glückwunsch jedenfalls Ihnen, Herr Kissel, zu diesem Wahlergebnis!!
    Nie war ein “OB Kissel in Worms” so verzichtbar wie heute – sagen die Wormser Wähler.

  2. Markus Mahlerwein Antworten

    Die Sachverhalte gleichen sich bis aufs Haar, mögen die Namen sich im Einzelnen unterscheiden:

    Der Ex-SPD-Bgm. von Oppenheim Held, der “Journalist” Gerecke, die VRM in Gestalt der AZ Landskrone.
    Der noch amtierende SPD-OB von Worms Kissel, der “Journalist” Götzen, die VRM in Gestalt der Wormser Zeitung.

    Daß die politische Couleur der Akteure nicht wirklich eine Rolle spielt, sieht man schon daran, daß der Herr Karlin bei der CDU aktiv ist und eine Nummer abzieht, wie der Held in Oppenheim mit seinem letzten Immobilien-Coup, welcher ihm schließlich das Genick gebrochen hat.

    Es ist nicht nur eine Schande, was sich – wie an anderer Stelle schon kritisch angemerkt wurde – alles so unter dem Begriff “Jurist” tummelt; zumeist solche die entweder nur eine “halbe” oder nur eine Fiktion der Prüfung vorzuweisen haben oder auch mal aktive Volljuristen sind, wie hier in Worms.

    Die Schande geradezu nationalen Ausmaßes läßt sich ohne weiteres auf die bekannten “Journalisten” aus den Amtsstuben und (Kommunal)Politiker jedweder Couleur ausweiten.

    Fazit: Alle und alles nur in den eigenen Sack. Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren.
    Man könnte nicht im Ansatz so viel futtern, wie man gerne kotzen würde.

    Als Bürger gilt all diesen “Lichtgestalten” mein uneingeschränkter Respekt und meine Dankbarkeit – für gar nix.

  3. Andreas Knobloch Antworten

    Götzen und die Wormser Zeitung – was hab ich mich mit dem Mensch in Facebook in der Wolle gehabt 🙂
    Gerade der Mangel an Fragen, die man als Journalist haben sollte, hat mich auf 180 gebracht. Das ist in meinen Augen kein Journalist und die Wormser Zeitung eh keine Tageszeitung mehr – Kopieren und Einfügen, mehr können die nicht.

  4. U. Borrmann Antworten

    Der Bericht trifft den Nagel auf den Kopf. Die Redaktionsleitung der WZ hat mit ihrem Artikel zum Thema Schlachthofgelände für jedermann deutlich erkennbar dargelegt, was dilettantischer Journalismus ist. Keine eigene Recherche, stattdessen einfach mal was ins Blaue formuliert, frei nach dem Motto: der dumme Leser wird’s schon fressen. Leider ist das kein Einzelfall, sondern die Regel – weshalb es auch nicht verwundert, dass immer mehr Leser der Wormser Zeitung enttäuscht den Rücken kehren.

  5. J. Estermann Antworten

    Es ist bedauerlich und unerträglich, wie die verschiedenen Lokalredaktionen des VRM sich mit ihrer Hofberichterstattung über Verwaltung und Lokal-/Kommunalpolitik die Seiten füllen. Von eigener Recherche oder kritischer Berichterstattung ist da nichts zu spüren.

  6. R. Bürger Antworten

    Also, den Wächterpreis der Tagespresse wird WZ-Redakteur Götzen wohl eher nie bekommen, eher den Preis für echte Wormser Nibelungentreue…

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